Warum wird die Schrift bei Parkinson kleiner?
Die Schrift wird kleiner, weil Parkinson die Grösse von Bewegungen dämpft. Das Gehirn stellt die Bewegung zu klein ein und meldet zugleich zurück, sie sei gross genug. Oft schrumpfen die Buchstaben zusätzlich im Verlauf einer Zeile, weil jede Wiederholung noch etwas kleiner ausfällt als die vorige.
Dahinter steht ein Vorgang, von dem viele PatientInnen früh hören: In einem kleinen Kerngebiet tief im Gehirn, der Substantia nigra, gehen jene Zellen zugrunde, die den Botenstoff Dopamin herstellen. Dopamin ist das Signal, mit dem die Basalganglien Bewegungen automatisch dosieren, also festlegen, wie gross und wie schnell etwas ausgeführt wird. Fehlt es, laufen die Bewegungen weiterhin, aber zu klein eingestellt. Genau darauf zielt auch die medikamentöse Behandlung, die dem Gehirn eine Vorstufe von Dopamin oder ähnlich wirkende Stoffe zuführt.
Das Fachwort für die kleiner werdende Schrift heisst Mikrographie. Sie gehört zu den frühen Zeichen der Parkinson-Krankheit und fällt häufig zuerst anderen auf: Der Bank bei der Unterschrift, der Familie auf der Einkaufsliste. Die Hand ist dabei meist nicht schwach. Wer eine Faust macht, hat Kraft. Was fehlt, ist die Einstellung der Bewegungsgrösse.
Genau das macht die Sache tückisch. Die eigene Rückmeldung stimmt nicht mehr: Was sich beim Schreiben normal gross anfühlt, ist auf dem Papier klein. Wer bewusst vergrössert, meint zu übertreiben, und erst dann wird die Schrift wieder lesbar.
Zwei verschiedene Formen
- Die Schrift ist von Beginn weg klein und bleibt über die Zeile hinweg etwa gleich gross.
- Die Schrift beginnt normal und wird zum Zeilenende hin immer enger, langsamer und druckschwächer. Das ist der sogenannte Sequenzeffekt.
Die Unterscheidung ist nicht akademisch. Messungen vor und nach einer Levodopa-Dosis zeigen, dass die gleichmässig kleine Schrift auf die Medikamente gut anspricht, das Schrumpfen über die Zeile hinweg dagegen kaum. Wer also erlebt, dass die Tabletten vieles bessern, die Schrift aber weiterhin ausfranst, erlebt nichts Aussergewöhnliches.
Was hilft gegen die kleine Schrift?
Gegen die kleine Schrift hilft, die Bewegung bewusst zu vergrössern und diesen Grössensinn regelmässig neu zu eichen. In Studien schrieben Betroffene sechs Wochen lang an fünf Tagen je etwa eine halbe Stunde mit übergrossen Vorlagen. Die Schrift wurde grösser und besser lesbar; schneller oder flüssiger wurde das Schreiben dadurch nicht.
Zu diesem Ergebnis gehört auch die Kehrseite. Ein Training, das die Buchstaben vergrössert, ist sinnvoll, wenn das Ziel Lesbarkeit heisst. Wer dagegen erwartet, schneller und flüssiger zu schreiben, wird enttäuscht, weil die Beleglage die Grösse stützt und das Tempo nicht.
- Papier mit deutlichen Linien wählen, der Abstand darf grosszügig sein.
- Vor dem Schreiben ein paar grosse Bögen und Wellen über die ganze Zeilenbreite ziehen. Das eicht den Massstab.
- Bewusst so gross schreiben, dass es sich übertrieben anfühlt, denn das Gefühl täuscht und das Blatt zeigt die wirkliche Grösse.
- Nach jeder Zeile kurz absetzen und die nächste wieder gross beginnen, statt gegen das Schrumpfen anzukämpfen.
- Laut mitzählen oder den Takt klopfen, wenn die Buchstaben trotzdem enger werden.
Daneben zählt die Auswahl der Aufgaben. Üben Sie das Schreiben dort, wo Sie es brauchen, etwa bei der Unterschrift oder beim Einkaufszettel. Ein dickerer Stift und eine rutschfeste Unterlage senken den Halteaufwand.
Wie sich Griffkraft, Feinabstimmung und Ausdauer der Hand gezielt üben lassen, steht ausführlicher im Beitrag Feinmotorik üben. Bei Parkinson kommt dazu, dass die Grösse der Bewegung mitgeübt werden muss, nicht allein die Genauigkeit.
Warum werden Bewegungen kleiner und langsamer?
Bradykinese heisst verlangsamte Bewegung, Hypokinesie heisst verkleinerte Bewegung. Beides gehört zu den Kernzeichen der Parkinson-Krankheit. Typisch ist, dass eine Bewegung bei Wiederholung immer kleiner wird, etwa der Schritt kürzer und die Buchstaben enger. Die Kraft ist dabei oft normal, die Ansteuerung der Grösse nicht.
Im Gehirn fehlt Dopamin in jenen Kernen, die Bewegungen automatisch dosieren. Was sonst nebenher läuft, das Ausholen beim Gehen und das Mitschwingen der Arme, wird zu klein eingestellt. Von aussen sieht das wie Zurückhaltung aus.
Dasselbe Muster zeigt sich in vielen Alltagshandlungen und nicht nur beim Schreiben. Die Stimme wird leiser, ohne dass es auffällt, und man wird häufiger gebeten, lauter zu sprechen. Das Umdrehen im Bett braucht plötzlich mehrere Anläufe, weil die Bewegung zu klein ausgeholt wird. Beim Zähneputzen wird der Weg der Bürste kürzer, beim Rasieren ebenso. Ein Glas wird zwar sicher gehalten, aber langsamer angehoben. Und beim Aufstehen vom Sessel fehlt der Schwung nach vorn, der sonst automatisch dazugehört. In der Ergotherapie werden genau diese Handlungen einzeln durchgegangen und bewusst wieder gross ausgeführt.
Was daraus für das Üben folgt
Wenn zu klein die Regel ist, muss zu gross geübt werden. Das ist das Prinzip des Amplitudentrainings: Alltagsbewegungen werden absichtlich übertrieben ausgeführt, mit voller Reichweite und deutlichem Aufwand, bis sich der Massstab verschiebt. Wer im Training übergross greift, soll im Alltag wieder normal weit greifen; das ist der Gedanke dahinter, ein Nachweis für diesen Übertrag fehlt bisher.
- Beim Anziehen den Arm bewusst weit nach vorne und oben führen, statt ihn eng am Körper zu halten.
- Beim Aufstehen die Nase deutlich über die Knie bringen, statt aus dem Rücken zu ziehen.
- Beim Gehen sichtbar lange Schritte machen und das Ausholen mitdenken.
- Beim Sprechen und Schreiben denselben Grundsatz anwenden: Lauter und grösser, als es sich richtig anfühlt.
Solche Programme gibt es unter geschützten Namen, mit eigener Ausbildung und festem Aufbau. Das Prinzip dahinter lässt sich unabhängig davon in jede Alltagshandlung einbauen, vom Kleiderschrank bis zur Treppe.
Was ist Cueing und wie gut ist es belegt?
Cueing bedeutet, dass ein Reiz von aussen den Takt vorgibt: Ein Metronom, lautes Zählen, Musik, Streifen am Boden oder ein Klaps auf den Oberschenkel. Die Bewegung läuft dann nicht mehr über den gestörten automatischen Antrieb, sondern über Sehen und Hören. Das Gehen wird messbar besser, Freezing bessert sich uneinheitlich.
Der Gedanke dahinter ist einfach. Der Teil des Gehirns, der Bewegungen selbst taktet, arbeitet unzuverlässig; der Teil, der auf Gesehenes und Gehörtes reagiert, arbeitet weiter. Ein Takt von aussen übernimmt die Aufgabe, die innen fehlt.
- Hörbar: Ein Metronom, ein Marsch im Kopfhörer, lautes Zählen, das Klopfen der eigenen Hand.
- Sichtbar: Klebestreifen quer am Boden vor der Türe, Fugen im Plättliboden, der eigene Stock als Ziellinie.
- Fühlbar: Ein Klaps auf den Oberschenkel, ein Vibrationssignal, eine Hand an der Schulter.
Zur Beleglage gehört Genauigkeit. Eine Zusammenfassung mehrerer kontrollierter Studien zu wiederholtem Cueing-Training fand eine Verbesserung beim Aufstehen, Gehen und Umdrehen; ob das Freezing selbst seltener oder leichter wird, ist damit nicht gesichert, und die Vertrauenswürdigkeit dieser Belege wurde als niedrig eingestuft. In einer breiteren Übersicht zu Trainingsverfahren bei Freezing liess sich ein anhaltender Effekt nach dem Ende des Trainings nicht zeigen.
Aus beidem folgt eine einfache Erwartung an den Alltag. Cueing ist als Werkzeug im Moment brauchbar und gut erprobt, als Kur mit Nachwirkung dagegen nicht belegt. Wer es benutzt, benutzt es darum in der Regel dauerhaft, so wie eine Brille, und das ist kein Rückschritt.
Pacing: Die Kraft über den Tag einteilen
Neben dem Cueing steht ein zweites Werkzeug, das in der Ergotherapie mindestens so oft zum Einsatz kommt: Pacing. Gemeint ist das bewusste Einteilen von Kraft und Zeit über den Tag, statt so lange weiterzumachen, bis nichts mehr geht. Bei Parkinson kommt dazu, dass die Wirkung der Medikamente schwankt; anspruchsvolle Tätigkeiten gehören deshalb in die Zeitfenster, in denen die Beweglichkeit am besten ist.
- Den Einkauf auf zwei kürzere Wege in der Woche verteilen statt auf einen grossen am Samstag.
- Beim Kochen die Rüstarbeit am Vormittag erledigen und erst am Abend fertig kochen.
- Vor einer Tätigkeit, die viel Konzentration verlangt, bewusst eine kurze Pause einlegen, statt sie danach zu brauchen.
- Anspruchsvolle Handlungen wie Duschen, Anziehen oder einen Termin ausserhalb in die gute Phase nach der Medikamenteneinnahme legen.
- Zwischen zwei fordernde Tätigkeiten bewusst eine leichte legen, damit die Erholung nicht ans Ende des Tages rutscht.
Was tun, wenn die Füsse plötzlich am Boden kleben?
Freezing ist ein plötzlicher Bewegungsblock: Die Füsse bleiben am Boden kleben, der Oberkörper geht weiter. Die Episoden dauern Sekunden, selten länger als eine halbe Minute, und treten oft in der Türe, beim Umdrehen oder unter Zeitdruck auf. Etwa die Hälfte der Betroffenen erlebt Freezing im Verlauf der Erkrankung.
Weil der Oberkörper weitergeht und die Füsse stehen bleiben, ist Freezing eine der gefährlichsten Alltagssituationen bei Parkinson. Die Auslöser wiederholen sich zuverlässig: Enge Stellen, Türrahmen, der Wechsel des Bodenbelags, das Klingeln des Telefons beim Losgehen.
- Anhalten statt kämpfen. Das Vorwärtsdrücken verstärkt die Blockade und kippt den Körper nach vorne.
- Eine klare Berührung hilft vielen: Eine Hand fest auf die Schulter oder auf den Rücken gelegt, kurz und deutlich, gibt dem System einen tastbaren Reiz, an dem es sich neu ausrichten kann. Ein leichtes Antippen wirkt dabei weniger gut als ein ruhiger, klarer Druck.
- Gewicht bewusst auf ein Bein verlagern, dann auf das andere. Das löst die Verklebung oft schon.
- Einen Takt setzen: Laut eins, zwei, eins, zwei zählen oder einen Marsch summen.
- Ein sichtbares Ziel schaffen: Über den eigenen Schuh, über einen Streifen am Boden oder über den Fuss der Begleitperson steigen.
- Erst dann weitergehen, mit bewusst grossen Schritten.
Begleitpersonen helfen am besten, indem sie nichts ziehen. Am Arm gezogen zu werden verschlimmert die Blockade und bringt beide aus dem Gleichgewicht. Wirksamer ist, sich vor die Person zu stellen, einen Fuss als Hindernis anzubieten und den Takt vorzugeben.
Warum sind zwei Dinge gleichzeitig so schwierig?
Gehen und gleichzeitig Sprechen läuft bei Gesunden nebenher ab. Bei Parkinson braucht das Gehen wieder Aufmerksamkeit, weil der automatische Antrieb gestört ist. Kommt eine zweite Aufgabe dazu, wird die Bewegung kleiner und unsicherer, und das Sturzrisiko steigt. Darum gilt im Alltag: Eine Sache nach der anderen, nicht gleichzeitig.
Das erklärt Beobachtungen, die sonst als Nachlässigkeit gedeutet werden. Wer beim Gehen angesprochen wird und stehen bleibt, kann die Konzentration besser auf eine einzelne Handlung fokussieren.
- Beim Telefonieren stehen bleiben oder sich setzen, statt durch die Wohnung zu laufen.
- Getränke auf einem Rollwagen fahren, statt sie zu tragen.
- Gespräche beim Essen in Pausen legen, statt beides zu mischen.
- Vor dem Losgehen die Hände frei machen: Schlüssel, Post und Tasche zuerst ablegen.
Die zweite Folgerung betrifft das Zerlegen. Komplexe Bewegungsabläufe gelingen besser, wenn sie in einzelne, bewusst angesteuerte Schritte zerfallen: Aufstehen wird zu Füsse zurück, nach vorne rutschen, Nase über die Knie, hochdrücken. Diese Denkweise ist in der Ergotherapie ein Kernstück der Behandlung bei Parkinson.
Wie werden Knöpfe, Besteck und Anziehen wieder leichter?
Knöpfe, Besteck und Reissverschlüsse werden leichter, wenn drei Dinge zusammenkommen: Ein dickerer Griff, eine stabile Ausgangslage mit aufgestützten Ellbogen und eine Handlung, die in einzelne Schritte zerlegt wird. Dazu kommt der Zeitpunkt: Wer Medikamente nimmt, plant feine Arbeiten in die Phase, in der sie am besten wirken.
Der Zeitpunkt wird oft unterschätzt. Bei vielen Betroffenen schwankt die Beweglichkeit über den Tag deutlich. Das Hemd zu knöpfen, bevor die erste Dosis wirkt, ist eine andere Aufgabe als eine Stunde später, und darum lohnt es sich, den Tagesablauf nach der Wirkung der Medikamente zu ordnen.
Was sich an Kleidung und Besteck ändern lässt
- Grössere Knöpfe und weitere Knopflöcher machen dieselbe Bewegung möglich, die vorher scheiterte.
- Ein Ring oder eine Schlaufe am Reissverschluss ersetzt den Pinzettengriff durch einen Hakengriff.
- Dickere, schwerere Griffe an Besteck und Stiften brauchen weniger Feinabstimmung und dämpfen ein Zittern.
- Ein hoher Tellerrand, eine rutschfeste Unterlage und der aufgestützte Ellbogen bringen mehr als jedes andere Besteck.
- Kleidung zum Schlüpfen, Klettverschlüsse und Schuhe ohne Bindung sparen die schwierigsten Griffe ganz ein.
Diese Handgriffe sind dieselben, die auch nach anderen neurologischen Erkrankungen gebraucht werden; im Beitrag nach dem Schlaganfall steht mehr zum Üben an echten Alltagshandlungen. Der Unterschied bei Parkinson ist, dass nicht die Kraft fehlt, sondern die Grösse und der Anstoss der Bewegung.
Wann lohnt sich eine Wohnraumanpassung?
Eine Wohnraumanpassung lohnt sich, sobald Stürze, Beinahestürze oder Freezing an bestimmten Stellen der Wohnung auftreten, nicht erst nach dem ersten Bruch. Die Leitlinie sieht Ergotherapie vor, wenn der Alltag, die Arbeit oder die Handfunktion einschliesslich der Handschrift beeinträchtigt ist. Beurteilt wird dort, wo die Schwelle wirklich liegt.
Der Vorteil einer Beurteilung zu Hause liegt darin, dass die Auslöser ortsgebunden sind. Freezing tritt bei derselben Person immer wieder an denselben Stellen auf: Im Korridor vor dem Bad, beim Umdrehen vor dem Bett. Kennt man sie, lassen sie sich entschärfen.
- Teppichkanten, Schwellen und lose Kabel weg aus den Wegen, die täglich mehrmals begangen werden.
- Bodenmarkierungen oder ein farbiger Streifen dort, wo es regelmässig stockt.
- Höhere Sitzflächen und feste Armlehnen, weil das Aufstehen die häufigste Sturzsituation der Wohnung ist.
- Licht auf dem Weg zur Toilette, mit Bewegungsmelder statt Schalter.
- Haltegriffe auch dort, wo umgedreht wird, und nicht bloss dort, wo gestanden wird.
Zur Ergotherapie selbst gehört eine nüchterne Einordnung. Kontrollierte Studien zeigen Wirkung auf die selbst eingeschätzte Ausführung der Tätigkeiten, die den Betroffenen wichtig sind. Den Krankheitsverlauf im engeren, neurochemischen Sinn steuern die Medikamente und, in ausgewählten Fällen, die tiefe Hirnstimulation. Wie sich die Erkrankung im Alltag auswirkt, lässt sich dagegen sehr wohl beeinflussen: Wer Handlungen weiterhin ausführt, erhält Beweglichkeit, Sicherheit und Selbständigkeit über längere Zeit, und die Ergotherapie stimmt ihre Massnahmen bewusst auf die Wirkzeiten der Medikamente ab.
Für eine Behandlung in der Praxis oder zu Hause braucht es eine ärztliche Verordnung. Abgerechnet wird über die zuständige Versicherung; was über Franchise und Selbstbehalt bei Ihnen bleibt, sagt Ihre Krankenkasse. Was in unserem Fachbereich Neurologie dazugehört, steht dort; ein erstes Gespräch lässt sich über Termin vereinbaren anfragen.
