Warum die mehr betroffene Seite zuerst anziehen und die weniger betroffene zuerst ausziehen?
Die betroffene Seite wird zuerst angezogen und zuletzt ausgezogen. Beim Anziehen ist das Kleidungsstück noch ganz locker, der steife Arm findet leicht in den Ärmel. Beim Ausziehen befreien Sie zuerst die weniger betroffene Seite, danach fällt der Stoff von selbst ab. Die arbeitende Hand bleibt für den schwierigen Schritt frei.
Der Grund ist Mechanik, nicht Tradition. Sobald der weniger betroffene Arm im Ärmel steckt, ist er im Kleidungsstück gefangen und kann den Stoff nicht mehr über die steife Schulter ziehen. Beim Ausziehen gilt das Gleiche rückwärts: Ein Ärmel, aus dem die weniger betroffene Seite heraus ist, liegt lose um den betroffenen Arm.
Der zweite Grund ist die Schulter. Eine gelähmte Schulter wird von den Muskeln nicht mehr geführt und verträgt kein Ziehen und keine ruckartige Bewegung. Wer die Reihenfolge einhält, muss den betroffenen Arm nie in eine Stellung zwingen, die er von selbst nicht erreicht.
- Setzen Sie sich hin, beide Füsse flach am Boden. Im Stehen anziehen ist ein häufiger Sturzanlass am Morgen.
- Legen Sie den betroffenen Arm auf den Oberschenkel oder ein Kissen. Er soll ruhig liegen und nicht hängen.
- Raffen Sie den Ärmel der mehr betroffenen Seite bis zum Ärmelloch und legen Sie das Kleidungsstück über das Knie.
- Führen Sie die mehr betroffene Hand in den Ärmel und schieben Sie den Stoff mit der weniger betroffenen Hand über Ellbogen und Oberarm bis zur Schulter.
- Ziehen Sie das Kleidungsstück hinter dem Rücken herum, erst dann fährt die weniger betroffene Hand in ihren Ärmel.
- Beim Ausziehen umgekehrt: Zuerst die weniger betroffene Seite aus dem Ärmel, dann den Stoff über Rücken und Kopf lösen, den betroffenen Arm zuletzt.
Bei Kleidungsstücken, die über den Kopf gehen, weichen die Anleitungen im letzten Schritt voneinander ab. Für Jacken, Blusen und alles mit durchgehendem Verschluss ist die Regel eindeutig, und darum sind solche Teile am Anfang die einfacheren.
- Hose im Sitzen: Mehr betroffenes Bein über das weniger betroffene schlagen, Hosenbein über den Fuss ziehen, dann das weniger betroffene Bein, erst zum Schluss hochziehen.
- Socke: Die Socke über die weniger betroffene Hand stülpen, den Daumen spreizen und den Fuss in die Öffnung führen.
- BH: Vorne schliessen und drehen, oder den geschlossenen BH wie ein Shirt überziehen.
- Kleidung wählen, die mitarbeitet: Weite Schnitte, Gummibund statt Reissverschluss, grosse Knöpfe, Klettverschluss oder elastische Schnürsenkel.
Wie essen und trinken Sie mit nur einer funktionierenden Hand?
Beim Essen fehlt nicht die schneidende Hand, sondern die haltende. Jede Lösung ersetzt darum das Festhalten: Eine rutschfeste Unterlage unter Teller und Brettchen, ein erhöhter Tellerrand als Gegenlager, ein Brettchen mit Nägeln und Randleiste. Damit gelingen Streichen und Schneiden mit einer Hand.
Wer das erste Mal einhändig frühstückt, merkt schnell, wo es klemmt: Das Brötchen wandert über den Teller, das Glas kippt beim Öffnen. Beides ist dasselbe Problem. Es fehlt der Gegendruck, den sonst die zweite Hand liefert.
- Rutschfeste Unterlage unter Teller, Brettchen und Glas. Ein einfaches Mittel, das den fehlenden Gegendruck der zweiten Hand ersetzt und sofort wirkt.
- Ein Brettchen mit aufragenden Nägeln hält Brot und Gemüse fest, eine Randleiste dient als Anschlag zum Streichen.
- Teller mit hohem, nach innen gezogenem Rand: Das Essen lässt sich auf die Gabel schieben, statt vom Rand zu fallen.
- Deckel öffnen: Das Glas zwischen die Oberschenkel klemmen und ein Stück rutschfeste Unterlage zwischen Deckel und Handfläche legen.
Ein Punkt wird oft übersehen: Wenn die mehr betroffene Hand einen Rest Funktion hat, darf sie den Teller halten, während die weniger betroffene Hand isst. Das ist die häufigste Gelegenheit des Tages, die Seite überhaupt zu gebrauchen. Zur Handfunktion selbst steht mehr in Nach dem Schlaganfall: Die Hand wieder gebrauchen.
Wie gelingen Körperpflege und Duschen mit einer Halbseitenlähmung?
Im Bad entscheidet die Sitzgelegenheit. Ein Duschstuhl macht aus einer Gleichgewichtsaufgabe eine Handaufgabe, und plötzlich ist Duschen wieder möglich. Dazu kommen ein geschraubter Haltegriff und eine rutschfeste Matte. Eine Handbrause mit Halterung auf Sitzhöhe sorgt dafür, dass eine Hand für das Waschen frei bleibt.
Duschen im Stehen verlangt Gleichgewicht auf nassem Untergrund, mit geschlossenen Augen beim Haarewaschen und nur einer stützenden Hand. Sitzend fällt dieser Teil weg.
- Haltegriffe wenn möglich anschrauben. Saugnapfgriffe lösen sich unbemerkt und geben nach, wenn das Gewicht darauf liegt.
- Handbrause mit verstellbarer Halterung, Seife und Shampoo als Pumpspender in Reichweite der weniger betroffenen Hand.
- Ein kleines Handtuch statt eines Waschlappens lässt sich einhändig besser greifen; zum Auswringen um den Wasserhahn schlingen.
- Den betroffenen Arm zum Waschen im Lavabo oder auf dem Oberschenkel ablegen, statt ihn hängen zu lassen.
- Zum Abtrocknen des Rückens ein Handtuch über die Stuhllehne hängen und sich mit dem fixierten Tuch abtrocknen.
Die Achselhöhle und die Handfläche der mehr betroffenen Seite werden am häufigsten vergessen. Wenn sich die Finger schwer öffnen lassen, sammelt sich dort Feuchtigkeit und die Haut wird wund. Diese beiden Stellen gehören täglich gewaschen und sorgfältig getrocknet.
Wie kommen Sie vom Bett auf den Stuhl, und in welche Richtung?
Beim selbstständigen Transfer steht der Stuhl auf der weniger betroffenen Seite, leicht angewinkelt zum Bett, mit angezogenen Bremsen beim Rollstuhl. Sie rutschen an die Bettkante, stellen beide Füsse flach auf, beugen den Oberkörper weit nach vorn und drehen sich über die weniger betroffene Seite auf die Sitzfläche.
Die Richtung ist keine Nebensache. Steht der Stuhl auf der weniger betroffenen Seite, kann die arbeitende Hand die Armlehne fassen und das Bein dieser Seite die Drehung übernehmen. Steht er auf der stärker betroffenen Seite, fehlt beides.
- Stuhl oder Rollstuhl auf der weniger betroffenen Seite anstellen, leicht angewinkelt. Beim Rollstuhl: Bremsen anziehen, Fussstützen wegschwenken, die bettseitige Armlehne wegklappen.
- An die Bettkante rutschen, bis beide Füsse flach stehen und die Fussspitzen unter den Knien sind.
- Den betroffenen Arm auf dem eigenen Oberschenkel ablegen, nicht hängen lassen und nicht daran ziehen.
- Den Oberkörper weit nach vorne beugen, bis die Nase über den Fussspitzen ist. Erst das bringt Gewicht auf die Beine.
- Aufstehen oder das Gesäss anheben, in zwei bis drei kleinen Drehungen zur Sitzfläche wandern, nach jeder Drehung die Füsse korrigieren.
- Kontrolliert absetzen, anlehnen, dann erst den betroffenen Arm bequem lagern.
In Therapie und Pflege wird daneben bewusst auch über die stärker betroffene Seite umgesetzt, geführt und mit Unterstützung, damit Gewicht auf diese Seite kommt. Das ist eine angeleitete Übung und kein Weg für den Alltag zu zweit. Welche Variante zu Ihnen passt, schauen wir gemeinsam in der Therapie an.
Warum soll die mehr betroffene Seite im Alltag mitmachen?
Weil die weniger betroffene Seite jede Aufgabe schneller erledigt und die betroffene deshalb Tag für Tag übergangen wird. Was nicht gebraucht wird, wird nicht angesteuert, und die Ansteuerung verschwindet weiter. Fachleute nennen das erlernten Nichtgebrauch: Es bleibt weniger übrig, als eigentlich möglich wäre.
Einbeziehen heisst nicht, dass die mehr betroffene Hand die Aufgabe übernimmt. Sie darf die einfachere Rolle spielen und halten oder gegenhalten, etwa das Brett festhalten, während die andere Hand schneidet.
- Suchen Sie sich einige feste Handlungen pro Tag, bei denen die mehr betroffene Seite eine Aufgabe hat. Wenige Handlungen, die verlässlich stattfinden, bringen erfahrungsgemäss mehr als ein umfangreicher Plan, der im Alltag untergeht.
- Legen Sie Gegenstände so hin, dass die mehr betroffene Seite den Weg mitmacht und nicht die weniger betroffene Hand die ganze Strecke übernimmt.
- Bei fehlender Kraft ist Lagerung die Aufgabe: Der Arm liegt gestützt, die Schulter hängt nicht am eigenen Gewicht.
Eines darf man dabei nicht verwechseln. Wer eine Seite vernachlässigt, weil sie langsam ist, kann sich anders entscheiden. Wer sie vernachlässigt, weil das Gehirn sie nicht mehr beachtet, hat diese Wahl nicht, und davon handelt der nächste Abschnitt.
Was ist ein Neglect, und wie zeigt er sich im Alltag?
Neglect ist eine Störung der Aufmerksamkeit: Das Gehirn wendet sich einer Raum- und Körperhälfte nicht mehr von selbst zu. Die Augen sehen, doch das Gesehene wird nicht beachtet. Nach einem Schlaganfall der rechten Hirnhälfte bleibt bei etwa 30 bis 40 von 100 Betroffenen ein Neglect länger bestehen.
Der Unterschied zur Gesichtsfeldeinschränkung ist entscheidend. Wer eine Hälfte des Gesichtsfelds verloren hat, bemerkt das oft erst nach einiger Zeit, kann es dann aber lernen und dreht den Kopf. Wer einen Neglect hat, dreht den Kopf nicht, weil für ihn nichts fehlt. Dass viele die Störung selbst nicht bemerken, gehört zum Krankheitsbild.
- Der Teller wird nur auf einer Seite leer. Drehen des Tellers löst das Problem sofort und zeigt es zugleich.
- Beim Waschen, Rasieren und Anziehen bleibt eine Körperhälfte unversorgt.
- Beim Lesen fehlt der Anfang der Zeile, beim Schreiben rutscht alles auf eine Blatthälfte.
- Türrahmen und Möbel werden immer auf derselben Seite gestreift.
- Die betroffene Hand rutscht vom Schoss oder klemmt am Rad, ohne bemerkt zu werden.
Behandelt wird ein Neglect mit systematischem Absuchen des Raums, mit Bewegungs- und Wahrnehmungsverfahren und mit Alltagsstrategien wie festen Ankerpunkten am Tellerrand oder am Zeilenanfang. Dazu gehört der Hinweis, dass der Übertrag auf komplexe Alltagssituationen bisher wenig belegt ist.
Im Alltag gilt darum eine doppelte Regel. Wo Sicherheit zählt, gehört das Wichtige in die beachtete Hälfte: Die Gehhilfe, das Telefon. Wo geübt wird, wandert es bewusst auf die vernachlässigte Seite.
Welche Hilfsmittel bringen wirklich etwas, und was ändert sich in der Wohnung?
Am meisten bringen die unscheinbaren Dinge: Rutschfeste Unterlagen, ein Duschstuhl, geschraubte Haltegriffe, ein erhöhter Toilettensitz, ein Stuhl mit Armlehnen. Sie ersetzen genau das, was fehlt: Halt und Gegendruck. Teure und aufwändige Geräte, die nicht zur konkreten Handlung passen, werden erfahrungsgemäss in der Folge zu wenig eingesetzt.
- Küche: Rutschfeste Unterlage, Brettchen mit Nägeln und Randleiste, Einhänderschäler, Öffnungshilfen für Deckel und Flaschen.
- Bad: Duschstuhl oder Klappsitz, geschraubte Haltegriffe bei Dusche und WC, rutschfeste Matte, Handbrause mit Halterung, erhöhter Toilettensitz.
- Ankleiden: Knöpfhilfe, Strumpfanzieher, langer Schuhlöffel, elastische Schnürsenkel.
- Wohnung: Teppiche und Kabel weg, Türschwellen entschärfen, Nachtlicht auf dem Weg zur Toilette, Stuhl mit Armlehnen, freie Wendeflächen für Rollator oder Rollstuhl.
Was Sie sparen können: Saugnapf-Haltegriffe, weil sie unter Last nachgeben, und Umbauten, die vor der ersten Abklärung zu Hause bestellt werden. Der Bedarf zeigt sich nach ein paar Wochen Alltag oft anders als kurz nach der Entlassung.
Die Kostenfrage hat in der Schweiz mehrere Türen. Manches läuft über die Mittel- und Gegenständeliste der Krankenversicherung, anderes über die Invalidenversicherung, im Rentenalter über die AHV, bauliche Anpassungen wieder anders. Was in Ihrem Fall gilt, sagen Ihnen Ihre Krankenkasse und die kantonale IV-Stelle. Wie eine Wohnung Schritt für Schritt sicherer wird, steht in Sturzprophylaxe.
Was sollen Angehörige tun und was besser lassen?
Angehörige helfen am besten, wenn sie weniger übernehmen und mehr Zeit einplanen. Jede Handlung, die abgenommen wird, fehlt als Übung. Zugleich gibt es zwei harte Grenzen: Am mehr betroffenen Arm wird nie gezogen, und beim Verdacht auf einen erneuten Schlaganfall wird nicht abgewartet.
Der häufigste Fehler geschieht aus Zuneigung. Das Anziehen dauert zwanzig Minuten, in fünf wäre es erledigt, und der Morgen ist knapp. Wer das jeden Tag so entscheidet, nimmt die einzige Übungseinheit weg, die sicher stattfindet.
- Helfen Sie so spät wie möglich, nicht so früh wie nötig. Warten Sie ab, bevor Sie eingreifen.
- Nie am betroffenen Arm ziehen, weder beim Aufstehen noch beim Umsetzen. Fassen Sie am Rumpf oder am Becken.
- Lassen Sie sich Handgriffe in der Therapie zeigen, weil sich Führen und Sichern aus einem Text allein nicht lernen lassen.
- Fragen Sie nach dem Ziel, bevor Sie den Weg vorschlagen. Allein duschen und allein zum Briefkasten führen zu ganz verschiedenen Übungen.
Alltagstraining ist ein Kernstück der Ergotherapie in der Neurologie und wird auf ärztliche Verordnung über die zuständige Versicherung abgerechnet. Weil sich viele Schwierigkeiten erst in der eigenen Wohnung zeigen, ist eine Behandlung zu Hause oft sinnvoll; dafür muss der Behandlungsort zu Hause auf der Verordnung angekreuzt sein. Ein erstes Gespräch können Sie über Termin vereinbaren anfragen.
