Wie reift eine Narbe und wie lange dauert das?
Eine Narbe entsteht in drei Phasen. In den ersten Tagen ist die Wunde entzündet, danach füllt der Körper den Defekt mit neuem Gewebe auf, und etwa ab der dritten Woche beginnt der Umbau. Diese letzte Phase dauert rund ein Jahr, oft länger. So lange verändert sich die Narbe noch.
Wundverschluss und fertige Narbe sind zwei verschiedene Zeitpunkte, und zwischen ihnen liegen Monate. Die Haut ist nach zwei Wochen zu, das Gewebe darunter sortiert seine Fasern noch das ganze folgende Jahr.
- Entzündungsphase, die ersten Tage: Die Wunde ist gerötet, warm und geschwollen. Das ist keine Infektion, solange es abnimmt.
- Aufbauphase, etwa bis zur dritten Woche: Der Körper füllt die Lücke mit neuem, gut durchblutetem Gewebe. Die Narbe ist rot und weich.
- Umbauphase, ab rund drei Wochen: Die Fasern richten sich neu aus, das Gewebe wird fester und blasser. Das dauert etwa ein Jahr.
Zwischen der sechsten Woche und dem dritten Monat ist eine Narbe häufig am härtesten und rötesten. Wer dann zum ersten Mal genau hinschaut, hält das für eine Verschlechterung. Meist ist es der normale Verlauf, und die Narbe wird danach über Monate flacher und heller. Vergleichbar ist das mit der Epithelphase bei einer Schürfwunde: Die Wundränder sind hellrosa und damit sehr gut durchblutet, und genau dieses junge Gewebe braucht Zeit, bis es sich beruhigt.
Warum stört eine Narbe an der Hand mehr als anderswo?
Weil unter der dünnen Haut der Hand sofort Sehnen, Nerven und Gelenke liegen. Eine Narbe, die mit der Sehnenscheide verklebt, bremst das Gleiten der Sehne, und der Finger lässt sich nicht mehr ganz strecken oder beugen. Dazu kommt, dass die Hand dicht mit Tastnerven versorgt ist.
Wie beweglich eine Narbe bleibt, hängt auch davon ab, wie viel Gewebe unter ihr liegt. Am Oberschenkel befindet sich ausreichend Unterhautfettgewebe, das die Narbe flexibler macht. An der Beugeseite der Finger sind es Millimeter, und dort hat eine Narbe kaum Platz zum Verschieben.
- Verklebung mit Sehnen: Die Sehne muss beim Beugen mehrere Zentimeter gleiten. Hängt die Narbe daran fest, fehlt dem Finger dieser Weg.
- Zug über ein Gelenk: Eine Narbe quer über einer Beugefalte zieht sich beim Reifen zusammen und kann das Gelenk in Beugestellung ziehen.
- Druckempfindlichkeit: In Handfläche und Fingerkuppen sitzen besonders viele Tastkörperchen. Eine Narbe dort meldet sich bei jedem Griff.
- Ständige Beanspruchung: Die Hand lässt sich nicht schonen wie ein Rücken. Jeder Handgriff belastet die Narbe und bewegt sie zugleich.
Deshalb geht es in der Handtherapie bei Narben selten um das Aussehen. Gemessen wird, wie weit sich die Finger bewegen lassen, ob die Narbe verschieblich ist und was beim Greifen weh tut, weil sich das Aussehen meist von selbst bessert, die Beweglichkeit aber nicht.
Wie sich die Narbenbehandlung in den Ablauf nach einem Eingriff einfügt, steht bei der Handtherapie nach einer Handoperation. Nach einer genähten Sehne gelten zusätzliche Regeln; das beschreibt der Beitrag zur Sehnenverletzung an der Hand.
Ab wann darf ich die Narbe behandeln?
Sobald die Wunde vollständig geschlossen ist und die Fäden draussen sind. Vorher wird nur die Umgebung bewegt, nicht die Narbe selbst. Krusten, nässende Stellen und zunehmende Rötung sind ein Grund zu warten. Wann es bei Ihnen so weit ist, sagt die Ärztin oder der Arzt, die oder der operiert oder genäht hat.
Die Fäden an der Hand werden in der Regel nach zehn bis vierzehn Tagen von der Ergotherapie oder einer Arztperson gezogen. Danach braucht die Haut oft noch einige Tage, bis die letzten Krusten weg sind. Wer früher reibt, reisst die junge Verbindung wieder auf.
- Wunde vollständig geschlossen, Faden gezogen, keine Kruste mehr: Erst jetzt darf die Narbe selbst berührt werden.
- Mit fettender, unparfümierter Pflege beginnen und die Narbe zunächst nur eincremen, ohne Druck.
- Nach einigen Tagen sanft verschieben statt reiben: Die Haut über der Narbe in kleinen Kreisen gegen die Unterlage bewegen.
- Erst danach die Zugrichtungen dazunehmen, in denen die Narbe spannt, und dabei die Finger dazu bewegen.
Bewegen dürfen Sie die Hand meist lange vorher, sofern das Nachbehandlungsschema es erlaubt. Bewegung hält die Sehne in Gang und die Narbe verschieblich, ohne dass jemand an der frischen Wunde zieht. Sie ist damit die erste Narbenbehandlung und beginnt oft in der ersten Woche.
Was bringt Narbenmassage und wie gut ist sie belegt?
Narbenmassage soll die Narbe verschieblich halten, damit sie nicht mit der Unterlage verklebt, und sie macht die Berührung erträglicher. Die Beleglage ist dünner, als die Verbreitung dieser Behandlung vermuten lässt: Eine Übersichtsarbeit fand eine Reihe von Studien mit sehr unterschiedlichem Vorgehen, davon nur wenige zu Hand und Handgelenk.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Eine Narbe, die täglich in alle Richtungen bewegt wird, verklebt weniger mit ihrer Unterlage. Dazu kommt ein zweiter Nutzen. Wer die eigene Narbe regelmässig anfasst, gewöhnt sich an die Berührung und traut der Hand mehr zu.
- Kurz und häufig statt lang und selten: Wenige Minuten, mehrmals am Tag.
- Mit fettender, unparfümierter Pflege arbeiten, damit die Haut nicht scheuert.
- Verschieben statt reiben: Die Narbe gegen die Unterlage bewegen, nicht wund rubbeln.
- Der Druck bleibt erträglich. Schmerz ist kein Mass für Wirksamkeit.
- Danach die Finger bewegen, damit die gewonnene Verschieblichkeit genutzt wird.
Die Grundlage dafür ist dünn. Eine Übersichtsarbeit in einer handtherapeutischen Fachzeitschrift trug die vorhandenen Studien zusammen. Alle berichteten günstige Ergebnisse, aber sie benutzten sehr viele verschiedene Zielgrössen, und die Vorgehen reichten von einer Sitzung bis zu dreimal täglich über ein halbes Jahr.
Daraus folgt nicht, dass Narbenmassage nutzlos ist. Es folgt, dass niemand die richtige Dosis kennt und dass Versprechen zu Millimetern und Wochen nicht gedeckt sind. Sinnvoll bleibt sie, weil sie risikoarm ist und die Hand zurück in Gebrauch bringt.
Was bringen Silikon und Kompression?
Silikon und Druck sind die beiden Massnahmen, die in der deutschsprachigen Leitlinie zu krankhaften Narben empfohlen werden. Silikon wird 12 bis 24 Stunden am Tag über 12 bis 24 Wochen getragen, Kompression mit 20 bis 30 mmHg ganztägig über 6 bis 24 Monate. Beginn ist nach dem Wundverschluss.
Silikon gibt es als weiche Auflage und als Gel. Es wirkt vermutlich, indem es die Narbe abdeckt und den Wasserverlust der Haut bremst. Angewendet wird es erst nach dem Wundverschluss, dann aber täglich über Wochen; eine Anwendung nur an einzelnen Tagen reicht nicht.
Die Empfehlung ist stärker als die Datenlage. Ein Cochrane-Review wertete 13 Studien mit 468 Teilnehmenden aus und stuft alle Ergebnisse als von niedriger bis sehr niedriger Sicherheit ein: Kleine Fallzahlen, lückenhafte Berichte. Silikon ist gut verträglich und breit empfohlen, ein zuverlässiger Nutzen ist nach aktuellem Forschungsstand aber nur schwer zu beweisen.
Kompression arbeitet mit anhaltendem Druck, an der Hand meist über einen massgefertigten Handschuh, oft mit einer Silikoneinlage über der Narbe. Druck wirkt nur, wenn er fast rund um die Uhr anliegt, und ist entsprechend aufwendig. Eingesetzt wird er vor allem bei überschiessenden Narben und nach Verbrennungen.
Warum schadet Sonne einer frischen Narbe?
Frisches Narbengewebe hat kaum Pigmentzellen. Es verbrennt schneller als die Haut daneben, und UV-Licht kann die Narbe dauerhaft dunkler und auffälliger machen. Internationale Empfehlungen zum Narbenmanagement raten deshalb zu hohem Lichtschutz, bis die Narbe ausgereift ist. An der Hand betrifft das fast jeden Tag im Freien.
Die Hand ist neben dem Gesicht die Körperstelle, die am wenigsten bedeckt ist. Sie bekommt übers Jahr mehr UV-Licht ab als fast jede andere, auch beim Autofahren und im Winter auf dem Schnee. Eine Narbe am Handrücken ist damit stärker gefährdet als eine unter dem Hemd.
- Im ersten Jahr nach der Verletzung hohen Lichtschutz auf die Narbe auftragen, wenn Sie nach draussen gehen.
- Mehrmals nachcremen: An den Händen ist Sonnenschutz nach dem Händewaschen weg.
- Wo es geht, abdecken. Ein leichter Handschuh oder ein Pflaster wirkt zuverlässiger als jede Creme.
- Eine Pigmentveränderung, die einmal entstanden ist, verschwindet oft nicht mehr vollständig.
Was sind hypertrophe Narben und Keloide?
Beide sind wulstige, überschiessende Narben. Die hypertrophe Narbe bleibt in den Grenzen der ursprünglichen Wunde, zeigt sich meist innerhalb von sechs Monaten und bildet sich häufig von selbst zurück. Ein Keloid wächst über die Wunde hinaus, tritt oft später auf und geht von allein nicht weg.
Der Unterschied bestimmt die Behandlung. Eine hypertrophe Narbe darf man beobachten: Sie ist zwischen Woche sechs und Monat drei am dicksten und wird danach oft von selbst flacher. Ein Keloid wird ohne Behandlung eher grösser und kommt nach einer blossen Ausschneidung häufig wieder.
- Hypertrophe Narbe: Erhaben, rot, juckend, aber innerhalb der alten Wundgrenzen. Beginnt meist vor dem sechsten Monat, Rückbildung häufig.
- Keloid: Wächst seitlich in gesunde Haut hinein, oft knotig und derb. Beginnt häufig später, keine spontane Rückbildung.
- Veranlagung: Keloide häufen sich familiär, besonders bei stärker pigmentierter Haut. Häufige Stellen sind Ohrläppchen, Brustbein und Nacken.
- Narbenkontraktur: Eine Narbe, die ein Gelenk in eine Fehlstellung zieht. An der Hand ist das die folgenreichste Form.
Für überschiessende Narben gibt es ärztliche Verfahren jenseits der Ergotherapie: Unterspritzungen, Kälteanwendungen, Laser, in bestimmten Fällen eine Operation. Was in Frage kommt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt. Die Leitlinie rät, Narbenkontrakturen über Gelenken zeitnah chirurgisch beurteilen zu lassen.
Lassen Sie eine Narbe abklären, wenn sie über Monate dicker statt flacher wird, seitlich in gesunde Haut wächst, dauerhaft juckt oder schmerzt oder wenn ein Finger sich zunehmend schlechter strecken lässt. Je früher eine Kontraktur auffällt, desto eher genügen Therapie und Schiene.
Was hilft, wenn die Narbe jede Berührung spürt?
Desensibilisierung ist ein gestuftes Gewöhnungstraining für überempfindliche Haut. Die Narbe wird mehrmals täglich kurz mit Material berührt, das gerade noch angenehm ist, danach mit rauerem. Ziel ist, dass Hemd und Händedruck wieder auszuhalten sind und die Hand im Alltag mitbenutzt wird.
Eine überempfindliche Narbe entsteht, wenn feine Hautnerven ins Narbengewebe einwachsen oder bei der Verletzung mitbetroffen waren. Das Gehirn bewertet harmlose Berührung dann als bedrohlich. Wer die Hand deswegen schont, kann das Problem verstärken.
- Materialien von weich zu rau sortieren: Watte, Baumwolle, Frottee, Wolle, Klettband, Reis, Linsen.
- Mit dem Material beginnen, das gerade noch erträglich ist, und die Narbe zwei bis drei Minuten damit berühren.
- Mehrmals täglich kurz wiederholen statt einmal lange.
- Erst zum nächstraueren Material wechseln, wenn das aktuelle keine Abwehr mehr auslöst.
- Dasselbe Vorgehen eignet sich auch als allgemeines Sensibilitätstraining, etwa nach einer Nervenverletzung oder wenn das Gefühl in den Fingerkuppen nach einer Operation ungenau bleibt.
- Im Alltag benutzen, was geht, etwa beim Abtrocknen oder beim Knöpfen.
Das braucht Wochen, nicht Tage, und es geht in Wellen. Nach einem anstrengenden Tag ist die Narbe wieder empfindlicher, ohne dass etwas schiefgelaufen wäre. Bleibt die Überempfindlichkeit nach Monaten unverändert, gehört sie ärztlich abgeklärt: Dahinter kann ein Nervenknoten stecken.
Kommt eine Taubheit im Gebiet eines ganzen Nervs dazu, ist die Narbe womöglich nicht die ganze Erklärung; der Beitrag zum Karpaltunnelsyndrom beschreibt den Unterschied. Wenn Sie eine ärztliche Verordnung haben, fragen Sie über die Terminvereinbarung an. In Thalwil und den Nachbargemeinden ist auch eine Behandlung zu Hause möglich, wenn die Verordnung das vorsieht.
