Was ist der Unterschied zwischen Beugesehnen und Strecksehnen?
Beugesehnen liegen an der Handflächenseite und ziehen die Finger in die Faust. Strecksehnen liegen auf dem Handrücken und öffnen die Hand. Beugesehnen laufen in engen Sehnenscheiden unter Ringbändern, Strecksehnen liegen flach und breit direkt unter der Haut. Deshalb verletzen sie sich anders und werden anders nachbehandelt.
Eine Sehne ist kein Muskel, sondern das Seil, mit dem ein Muskel im Unterarm am Fingerknochen zieht. Zu jedem Langfinger führen zwei Beugesehnen: Eine setzt am Mittelglied an, die andere am Endglied; der Daumen hat nur eine. Ist nur eine durchtrennt, beugt der Finger noch teilweise, und die Verletzung wird leicht übersehen.
Beugesehnen werden fast immer durch einen Schnitt verletzt, etwa an Glas oder Messer. Strecksehnen reissen dagegen oft ohne offene Wunde, weil ein Stoss gegen die Fingerspitze sie vom Knochen abhebelt. Deshalb suchen Menschen mit einem Strecksehnenabriss oft erst nach Tagen eine Arztpraxis oder eine Therapie auf.
- Ein Finger, der sich nicht mehr aktiv beugen lässt, spricht für eine verletzte Beugesehne.
- Ein Finger, der sich nicht mehr aktiv strecken lässt, spricht für eine verletzte Strecksehne.
- Passiv lassen sich die Finger meist noch bewegen, das schliesst nichts aus.
- Taubheit an einer Fingerseite deutet darauf hin, dass ein Nerv mitverletzt ist, der direkt neben der Sehne verläuft.
Warum sind Beugesehnenverletzungen heikler als Strecksehnenverletzungen?
Beugesehnen gleiten in einem engen Kanal aus Sehnenscheide und Ringbändern, teils mehrere Zentimeter weit. In diesem Kanal ist kaum Platz für eine geschwollene Naht, die Durchblutung ist stellenweise knapp, und jede Narbe zwischen Sehne und Kanalwand blockiert das Gleiten. Strecksehnen haben dieses Gleitlager nicht.
Man kann sich die Beugesehne als Seil in einem Führungsrohr vorstellen. Das Rohr hält das Seil eng am Knochen, damit die Kraft ankommt. Nach einer Naht ist die Sehne an der Nahtstelle dicker als vorher, muss aber durch dasselbe Rohr. Und sie muss früh genug in Bewegung kommen, damit die entstehende Narbe sie nicht am Rohr festwachsen lässt.
Verklebt die Sehne, bleibt der Finger passiv beweglich, aktiv nicht mehr: Die Therapeutin oder der Therapeut kann ihn beugen, Sie selbst nicht. Bleibt es dabei, braucht es einen zweiten Eingriff, der die Verwachsungen löst. Am Handrücken ist die Lage einfacher, weil dort kein enger Kanal die Sehne führt.
Dazu kommt der Zug des Muskels. Eine durchtrennte Beugesehne wird vom Muskel in Richtung Unterarm zurückgezogen, manchmal weit in die Handfläche hinein. Deshalb ist die Naht eine dringliche Operation, die möglichst innerhalb weniger Tage und spätestens nach etwa zwei Wochen erfolgen soll. Eine offene Wunde in der Handfläche gehört deshalb noch am selben Tag in ärztliche Abklärung.
Was bedeuten die Zonen bei einer Sehnenverletzung?
Die Zonen beschreiben, an welcher Stelle des Verlaufs die Sehne verletzt wurde. Beugesehnen werden in fünf Zonen vom Fingerendglied bis zum Unterarm eingeteilt, Strecksehnen in mehrere Zonen vom Endgelenk bis zum Unterarm. Aus der Zone ergibt sich, wie genäht wird und welches Nachbehandlungsschema gilt.
Die Zone ist keine Schweregradangabe, sondern eine Ortsangabe. Sie steht im Operationsbericht und ist der Grund dafür, dass zwei Menschen mit derselben Diagnose verschiedene Anweisungen bekommen. «Zone 2» meint die Strecke im Finger, in der beide Beugesehnen gemeinsam durch die enge Sehnenscheide laufen.
- Beugesehnen Zone 1: vom Endglied bis zum Ansatz der oberflächlichen Beugesehne.
- Beugesehnen Zone 2: der enge Abschnitt im Finger, historisch «Niemandsland» genannt.
- Beugesehnen Zone 3: die Handfläche zwischen Sehnenscheide und Karpalkanal.
- Beugesehnen Zone 4: der Karpalkanal selbst.
- Beugesehnen Zone 5: der Unterarm oberhalb des Handgelenks.
- Strecksehnen: Die Zonen wechseln sich ab, die ungeraden liegen über den Gelenken, die geraden dazwischen über dem Knochen.
Bei den Strecksehnen hängt die Behandlung stark von der Zone ab. Über dem Handrücken wird oft genäht und früh unter Schutz bewegt, am Endgelenk kommt ein Abriss dagegen häufig ohne Operation aus. Am Mittelgelenk entscheidet der sogenannte Mittelzügel, also der mittlere Anteil der Strecksehne, der am Mittelglied ansetzt, darüber, ob der Finger eine dauerhafte Fehlstellung entwickelt.
Warum darf eine genähte Sehne weder stillstehen noch belastet werden?
Weil beide Fehler ein eigenes Ergebnis haben. Liegt die Sehne wochenlang still, verwächst sie mit ihrer Umgebung und gleitet nicht mehr. Wird sie zu früh belastet, gibt die Naht nach und reisst. Die Nachbehandlung führt die Sehne deshalb bewusst in einem schmalen Streifen dazwischen.
Die Naht ist am Tag der Operation so stark, wie sie vorerst sein wird. In der ersten Woche verliert sie an Festigkeit, weil das Gewebe an den Fadenlöchern aufweicht, bevor die Heilung greift. Erst ab etwa der dritten Woche steigt die Belastbarkeit wieder an und erreicht nach rund zwölf Wochen einen Grossteil der ursprünglichen Festigkeit. Aus diesem Verlauf ergeben sich die Fristen der Nachbehandlung.
Daraus folgt etwas, das sich falsch anfühlt: Ausgerechnet wenn die Hand am meisten schmerzt und am schwächsten ist, ist die Naht am gefährdetsten. Wer sich dann am Handlauf hält oder reflexhaft nach einem fallenden Gegenstand greift, bringt mehr Kraft auf die Naht als jede Übung.
An der Heilung beteiligt sich auch Gewebe, das von aussen in die Nahtstelle einwächst. Genau dieses Gewebe hält die Sehne fest, wenn sie liegen bleibt. Das Ziel ist deshalb Bewegung ohne Kraft: Die Sehne soll gleiten, ohne dass Zug auf die Naht kommt.
Was heisst frühe kontrollierte Bewegung und wie lange bleibt die Schiene?
Frühe kontrollierte Bewegung heisst: Die Sehne wird ab den ersten Tagen bewegt, aber nur in einer Schiene, die den Weg begrenzt, und ohne Widerstand. Nach einer Beugesehnennaht bleibt diese Schiene in der Regel sechs Wochen Tag und Nacht, danach oft noch einige Wochen nachts.
Die Schiene hält Handgelenk und Finger in einer Stellung, in der die genähte Sehne keinen Zug bekommt. Innerhalb dieser Stellung wird bewegt: In den klassischen Schemata führt die Therapeutin oder der Therapeut die Finger passiv, in anderen Schemata bewegt die Patientin oder der Patient selbst, aber nur so weit und so kraftlos, dass die Naht sicher bleibt. Beide Wege sind gebräuchlich, und welcher gilt, entscheidet die operierende Ärztin oder der operierende Arzt.
Der Ablauf ist danach über Wochen gestuft. Etwa ab Woche 6 wird die Faust ausserhalb der Schiene voll aktiv geschlossen, weiterhin ohne Widerstand. Zwischen Woche 8 und 12 kommt leichte bis mittlere Belastung dazu. Volle Belastung, also Zupacken, Tragen und Arbeiten mit Werkzeug, ist in der Regel ab etwa zwölf Wochen erlaubt. Bei Strecksehnen gelten je nach Zone eigene Fristen, oft ebenfalls rund sechs Wochen Schutz.
Diese Termine sind Regelwerte, keine Zusicherung. Ihr Schema kann kürzer oder länger sein, etwa weil zusätzlich ein Nerv oder ein Knochen versorgt wurde. Wo Ihr Schema und dieser Text sich widersprechen, gilt Ihr Schema. Wie eine Nachbehandlung praktisch abläuft, steht im Beitrag zur Handtherapie nach einer Operation.
- Nehmen Sie das Nachbehandlungsschema und den Operationsbericht zum ersten Termin mit.
- Klären Sie, ob Ihr Schema passive oder aktive Bewegung vorsieht und ab wann.
- Fragen Sie nach, wann die Schiene tagsüber wegfällt und wann nachts.
- Melden Sie sich früh in der Handtherapie an: Der Beginn steht in Ihrem Schema.
Was ist ein Mallet-Finger und wie wird er behandelt?
Ein Mallet-Finger, auch Hammerfinger genannt, entsteht, wenn die Strecksehne am Fingerendglied abreisst, meist durch einen Stoss gegen die gestreckte Fingerspitze. Das Endglied hängt herunter und lässt sich aktiv nicht mehr aufrichten. Behandelt wird er in der Regel ohne Operation: Das Endgelenk wird sechs bis acht Wochen ohne jeden Unterbruch in Streckstellung geschient.
Der Unfall ist unspektakulär. Ein Ball trifft die Fingerkuppe, die Hand fährt beim Bettenmachen gegen die Matratze. Danach hängt das letzte Glied nach unten und richtet sich aktiv nicht mehr auf. Schmerzen sind oft gering, und deshalb gehen viele erst nach Tagen zur Abklärung.
Es gibt zwei Formen: Entweder reisst die Sehne selbst, oder es bricht ein Knochenstück aus dem Endglied heraus, an dem sie hängt; das nennt man einen ossären Ausriss. Ein Röntgenbild klärt das. Operiert wird vor allem, wenn ein grosser Teil der Gelenkfläche mitgebrochen ist oder das Gelenk sich verschiebt. Sonst ist die Schiene die Behandlung der Wahl, auch noch einige Wochen nach dem Unfall.
Entscheidend ist nicht das Modell der Schiene, sondern eine einzige Bedingung: Das Endgelenk darf in diesen Wochen nicht gebeugt werden. Das gilt auch beim Waschen und beim Wechseln der Schiene. Wie das am Waschbecken gelingt, zeigt die Handtherapie beim Anpassen. Das Mittelgelenk soll dagegen beweglich bleiben.
Nach der Tragzeit wird die Schiene ausgeschlichen, meist noch einige Wochen nachts und beim Sport. Ein Restdefizit von wenigen Graden bleibt häufig, ohne im Alltag zu stören. Unbehandelt kann sich über Monate eine Fehlstellung entwickeln, bei der das Mittelgelenk überstreckt und das Endglied gebeugt bleibt.
Was passiert, wenn ich die Schiene zu früh weglasse?
Beim Mallet-Finger gilt die Frist in der Regel als neu begonnen, sobald das Endgelenk zwischendurch gebeugt wurde, weil die heilende Sehne wieder auseinandergezogen wird. Nach einer Sehnennaht kann die Naht nachgeben. Dann fehlt die Bewegung erneut, und es braucht eine zweite Operation mit schlechteren Aussichten als die erste.
Die beiden Situationen sind unterschiedlich streng. Beim Mallet-Finger heilt die Sehne nur, solange ihre Enden ohne Unterbruch aneinander liegen. Jede Beugung zieht sie auseinander, und die angefangene Heilung ist in der Regel verloren. Die Frist ist deshalb keine Empfehlung, sondern die Behandlung selbst, und die Schiene wird konsequent getragen.
Nach einer Sehnennaht geht es um Kraft statt um Stellung. Ein Riss passiert selten beim Üben und häufig im Alltag, etwa beim Abstützen aus dem Bett oder beim Festhalten im Bus. Wie oft das vorkommt, wird je nach Nahttechnik und Schema sehr unterschiedlich angegeben; verlässliche Prozentzahlen lassen sich daraus nicht ableiten.
Der zweite Weg, an dem eine Nachbehandlung scheitert, ist der leisere. Wer die Schiene korrekt trägt, aus Angst aber gar nicht bewegt, hat nach sechs Wochen eine sichere Naht und einen steifen Finger, weil Schutz und dosierte Bewegung erst zusammen die Behandlung ausmachen.
Wenn Sie unsicher sind, ob eine Bewegung erlaubt ist, lassen Sie sie weg und fragen nach. Für einen Termin mit Ihrer ärztlichen Verordnung nutzen Sie die Terminvereinbarung; in Thalwil und den Nachbargemeinden ist auch eine Behandlung zu Hause möglich, wenn die Verordnung das vorsieht.
