Welche Hilfsmittel bringen im Alltag am meisten?
Am meisten bringen jene, die an einer Stelle sitzen, an der Sie täglich vorbeikommen und heute schon improvisieren: Ein Haltegriff dort, wo Sie sich am Lavabo abstützen, ein Duschhocker, eine Anziehhilfe für Strümpfe, eine Griffverdickung am Besteck, eine rutschfeste Unterlage unter dem Teller und eine Öffnungshilfe für Schraubdeckel.
Alle sechs haben dasselbe Merkmal: Sie ersetzen etwas, das Sie ohnehin schon tun, nur sicherer. Wer sich am Lavabo abstützt, greift heute an eine Stelle, die dafür nicht gebaut ist. Wer den Deckel mit dem Küchentuch dreht, hat das Problem erkannt, und das Hilfsmittel tritt an die Stelle dieser Behelfslösung.
- Haltegriff dort, wo Sie sich heute am Waschbecken oder an der Duschtür festhalten. Er ersetzt den Möbelrand, der nachgibt.
- Duschhocker, wenn das Stehen unter der Dusche unsicher wird oder zu lange dauert. Sitzend zu duschen ist oft die Voraussetzung dafür, weiterhin allein zu duschen.
- Anziehhilfe für Strümpfe, wenn Rücken, Hüfte oder Knie das Beugen zum Fuss nicht mehr zulassen. Oft entscheidet sie darüber, ob das Anziehen allein gelingt.
- Griffverdickung an Besteck, Zahnbürste, Stift oder Rasierer, wenn die Finger nicht mehr genug Kraft in den Griff bringen.
- Rutschfeste Unterlage unter Teller, Schneidbrett oder Schüssel, wenn eine Hand die Arbeit allein machen muss.
- Öffnungshilfe für Schraubdeckel, weil daran oft zuerst das Kochen scheitert und danach die Ernährung.
Wirksam werden diese Gegenstände erst durch die Einzelheiten: Höhe und Seite des Griffs oder die Sitzhöhe des Hockers. Das entscheidet sich in Ihrem Bad, nicht in einem Katalog. Dazu gehört die Einschränkung: Gut belegt ist die gezielte Abklärung der Wohnung bei Menschen mit erhöhtem Sturzrisiko, nicht die Wirkung des einzelnen Gegenstands. In einer Cochrane-Übersicht von 2023 waren die Studien zu Selbstsorge- und Hilfsmitteln zu verschieden, um daraus eine verlässliche Zahl abzuleiten.
Welche Hilfsmittel landen typischerweise im Schrank?
Liegen bleiben vor allem jene Hilfsmittel, die für eine gedachte Situation angeschafft wurden und nicht für den gelebten Alltag. Kein Hilfsmittel ist an sich schlecht; einige haben nur eine höhere Wahrscheinlichkeit, nicht mehr gebraucht zu werden: Greifzangen, Badewannenbretter, die Routineausstattung nach einer Hüftprothese, Rollatoren, die nicht durch die Wohnungstür passen, und Gehstöcke in falscher Höhe.
- Die Greifzange. Sie wird oft mitgegeben, weil sie wenig kostet. Gebraucht wird sie nur, wenn regelmässig etwas Leichtes ausser Reichweite liegt. Ist das Bücken selbst das Problem, hilft ein Umräumen der Schränke mehr.
- Das Badewannenbrett. Es setzt voraus, dass Sie im Sitzen ein Bein über den Wannenrand heben können. Wer das kann, braucht es meist nicht; wer es nicht kann, kommt auch damit nicht hinein.
- Die Routineausstattung nach einer Hüftprothese. Erhöhter Toilettensitz, Anziehhilfe und Bewegungsverbote werden vielerorts nach Schema abgegeben. Eine Cochrane-Übersicht von 2016 fand dafür nur Belege von sehr niedriger Qualität, und in einer Studie waren die Teilnehmenden ohne vorgeschriebene Ausrüstung mit ihrem Verlauf zufriedener. Was nach Ihrer Operation gilt, sagt die Klinik.
- Der Rollator, der nicht durch die Wohnungstür passt. Er steht im Treppenhaus und wird nur draussen benutzt, drinnen geht es weiter an Möbeln entlang.
- Der Gehstock in falscher Höhe. Zu lang, und die Schulter zieht hoch. Zu kurz, und Sie gehen gebückt. Die Höhe wird eingestellt und geprüft, nicht geschätzt.
- Das elektronische Gerät, das niemand eingerichtet hat. Erinnerungs- und Notrufgeräte scheitern selten an der Technik und oft am ersten Batteriewechsel.
Kein Gegenstand auf dieser Liste ist an sich schlecht; jeder ist für jemanden genau das Richtige. Die Frage lautet nie, ob eine Greifzange sinnvoll ist, sondern ob sie bei Ihnen ein Problem löst, das Sie tatsächlich haben, und genau diese Frage überspringt ein Hilfsmittel auf Vorrat.
Warum bleiben gekaufte Hilfsmittel ungenutzt?
Weil sie ohne die Person ausgesucht wurden. In einer Befragung von 227 Erwachsenen mit unterschiedlichen Einschränkungen wurden 29,3 Prozent aller Geräte ganz aufgegeben. Vier Gründe hingen damit zusammen: Die Meinung der Nutzenden zählte bei der Auswahl nicht, das Gerät war zu leicht zu bekommen, es leistete zu wenig, oder der Bedarf hatte sich geändert.
Aufgegeben wurde vor allem in zwei Zeitfenstern: Im ersten Jahr und nach mehr als fünf Jahren. Das erste zeigt eine Auswahl, die nicht gepasst hat. Das zweite zeigt, dass ein einmal passendes Gerät nicht mit dem Menschen mitwächst. Am häufigsten betroffen waren Mobilitätshilfen.
Dazu kommt etwas, das in keiner Statistik steht. Ein Hilfsmittel ist sichtbar und sagt der Nachbarin und einem selbst etwas darüber, wie es steht. Wer nie gefragt wurde, ob er das will, stellt es weg, sobald niemand zusieht, und das ist keine Uneinsichtigkeit, sondern die Antwort auf einen Entscheid über den eigenen Kopf hinweg.
Ein weiterer Grund ist banaler: Niemand hat gezeigt, wie es geht. Eine Anziehhilfe für Strümpfe misslingt beim ersten Versuch fast immer. Wer sie ohne Anleitung probiert, schliesst nach zwei Anläufen, sie tauge nichts.
Wo gehört ein Haltegriff im Bad hin?
Dorthin, wo Sie sich heute schon festhalten. Das ist in aller Regel der Übergang vom Stehen zum Sitzen und der Ein- und Ausstieg aus der Dusche, nicht die Mitte einer freien Wand. Die Höhe richtet sich nach Ihrer Hand in der Bewegung und nicht nach einem Normmass aus einer Broschüre.
- Gehen Sie den Weg im Bad so, wie Sie ihn wirklich gehen, und lassen Sie sich zusehen. Wohin Ihre Hand greift, gehört der Griff.
- Kleben Sie die Stelle mit einem Streifen Klebeband an und lassen Sie ihn ein paar Tage hängen. Eine Stelle, die nach drei Tagen noch stimmt, ist meist die richtige.
- Prüfen Sie den Untergrund. Ein Haltegriff muss Ihr ganzes Körpergewicht tragen, auch ruckartig. Eine Fliese über Hohlraum oder eine Leichtbauwand tut das nur mit der passenden Befestigung.
- Montieren Sie erst danach, und gehen Sie den Bewegungsablauf zweimal durch, hinein und wieder heraus.
Handtuchhalter, Seifenschale und Duschstange sind keine Haltegriffe. Sie reissen unter Zug aus der Wand, und zwar dann, wenn Sie sie am nötigsten hätten. Was der Aufwand bringt, lässt sich beziffern: Eine Cochrane-Übersicht von 2023 fand für das Beseitigen von Gefahrenstellen zu Hause eine um rund 26 Prozent tiefere Sturzrate, bei hohem Sturzrisiko rund 38 Prozent. Ohne erhöhtes Risiko zeigte dieselbe Massnahme keinen Nutzen. Mehr dazu im Beitrag zur Sturzprophylaxe.
Ausserhalb des Bads gilt dasselbe. Der zweite wichtige Griff sitzt oft am Bettrand, der dritte an der Wohnungstür, wo im Stehen die Schuhe angezogen werden. Welche Stellen bei Ihnen dazugehören, zeigt der Beitrag zur altersgerechten Wohnung.
Warum sind Erprobung und Instruktion so entscheidend?
Weil ein Gegenstand erst dann ein Hilfsmittel ist, wenn der Bewegungsablauf damit sitzt. In einer Untersuchung an einem Rehabilitationszentrum sank die Aufgaberate von 37,3 auf 9,5 Prozent, nachdem der Bedarf nicht mehr allein ärztlich verordnet, sondern im Team abgeklärt wurde, mit Ergotherapie darin.
Die Zahlen stammen aus einer einzelnen Untersuchung an einer kleinen Gruppe von Menschen mit Multipler Sklerose, nicht aus der Schweiz. Als Grössenordnung taugen sie trotzdem, weil sie in dieselbe Richtung zeigen wie die vier Aufgabegründe: Über die Nutzung entscheidet die Abklärung, nicht der Gegenstand.
- Erprobt wird in der eigenen Wohnung, an der Tätigkeit, die tatsächlich Mühe macht.
- Verglichen werden mindestens zwei Ausführungen, damit Sie einen Unterschied spüren und entscheiden können.
- Eingestellt werden Höhe, Seite und Griffstärke, danach wird das Ergebnis geprüft und nicht angenommen.
- Geübt wird in beiden Richtungen, also hinsetzen und aufstehen, anziehen und ausziehen.
- Besprochen wird auch die Reinigung und was zu tun ist, wenn es nicht klappt.
- Vereinbart wird ein Zeitpunkt in einigen Wochen, an dem nachgeschaut wird, ob es noch passt.
Die Nachkontrolle fällt am häufigsten aus, und das erklärt vermutlich das zweite Zeitfenster nach fünf Jahren. Ein Duschhocker, der nach einem Bruch richtig war, kann zwei Jahre später zu niedrig sein. Diese Anpassung gehört zum Auftrag, auch als Behandlung zu Hause, wenn die Verordnung das vorsieht.
Wer zahlt ein Hilfsmittel in der Schweiz?
Das hängt nicht am Gegenstand, sondern an Ihrer Situation. Vor dem Referenzalter zahlt die Invalidenversicherung Hilfsmittel, die der Eingliederung dienen. Danach übernimmt die AHV nur eine kurze Liste. Bei Unfallfolgen ist die Unfallversicherung zuständig, für gewisse Gegenstände zur Behandlung zu Hause die Krankenversicherung.
- Invalidenversicherung. Sie gibt Hilfsmittel ab, die Erwerbstätigkeit, Aufgabenbereich, Selbstsorge, Fortbewegung oder den Kontakt mit der Umwelt ermöglichen. Angemeldet wird bei der IV-Stelle des Wohnkantons, abgegeben wird in einfacher und zweckmässiger Ausführung, Kostspieliges oft leihweise. Wer ein Hilfsmittel der IV schon vor dem Rentenalter erhalten hat, behält den Anspruch, solange die Voraussetzungen erfüllt bleiben; das nennt sich Besitzstand. Zwei Menschen mit demselben Bedarf können deshalb unterschiedlich versorgt sein.
- AHV. Nach dem Referenzalter ist die Liste kurz. Sie enthält unter anderem Perücken, orthopädische Schuhe, Sprechhilfegeräte nach einer Kehlkopfoperation, Hörgeräte, Lupenbrillen und Rollstühle ohne Motor. Duschhocker, Haltegriffe, Anziehhilfen und Öffnungshilfen stehen nicht darauf.
- Krankenversicherung. Über die Mittel- und Gegenständeliste werden Gegenstände vergütet, die der Untersuchung oder Behandlung einer Krankheit dienen und die Sie selbst oder eine nicht beruflich mitwirkende Person anwenden. Je nach Kategorie braucht es eine Verordnung, die das Material ausdrücklich nennt, in der Regel von der Ärztin oder dem Arzt; im Alltag ist meist vom Rezept die Rede. Sie ist wichtig, weil damit ärztlich belegt ist, dass die Kosten von der zuständigen Versicherung übernommen werden. Bestimmte Produkte kann auch eine Pflegefachperson verordnen.
- Unfallversicherung. Nach einem Unfall übernimmt sie die Hilfsmittel, die wegen der Unfallfolgen nötig werden.
- Ergänzungsleistungen. Sie können Krankheits- und Behinderungskosten vergüten, Kosten für Hilfsmittel ausdrücklich eingeschlossen. Zuständig ist die EL-Stelle Ihres Kantons.
- Selbstzahlung und Miete. Viele der Alltagshilfen aus dem ersten Abschnitt stehen auf keiner dieser Listen. Sie werden gekauft oder gemietet, teils über gemeinnützige Organisationen und über die Spitex.
Klären Sie die Zuständigkeit, bevor Sie kaufen, denn ein bereits gekauftes Hilfsmittel wird nachträglich selten vergütet. Zu Beträgen und zur Vergütung im Einzelfall geben Ihre Krankenkasse, die Ausgleichskasse und die IV-Stelle Auskunft; Beträge nennt dieser Text nicht, weil sie sich laufend ändern.
Die Abklärung selbst ist davon getrennt. Ergotherapie wird auf ärztliche Verordnung über die zuständige Versicherung abgerechnet; Franchise und Selbstbehalt laufen über die zuständige Versicherung. Der Gegenstand wird unabhängig davon finanziert.
Wie gehen Sie vor, bevor Sie etwas kaufen?
Beginnen Sie nicht beim Gegenstand, sondern bei der Tätigkeit, die nicht mehr geht. Schreiben Sie eine Woche lang auf, wo Sie hängen bleiben und was davon Sie am meisten stört. Erst danach entscheidet sich, ob ein Hilfsmittel, ein Umräumen oder Üben die richtige Antwort ist.
- Notieren Sie eine Woche lang jede Tätigkeit, die Sie aufgeben, verschieben oder nur mit Hilfe schaffen. Ordnen Sie danach, was am meisten stört.
- Lassen Sie die Wohnung anschauen, statt davon zu erzählen. Was im Gespräch nach einem Küchenproblem klingt, ist vor Ort oft eines der Schrankhöhe.
- Probieren Sie aus, bevor Sie kaufen, wenn möglich mit einem Leihgerät und über mehrere Tage.
- Klären Sie die Zuständigkeit und melden Sie sich dort an, wo es eine Anmeldung braucht.
- Schauen Sie nach einigen Wochen nach, ob das Hilfsmittel noch passt, und lassen Sie es nachstellen, wenn nicht.
Für die Punkte zwei, drei und fünf ist die Ergotherapie da. In der Geriatrie gehört die Hilfsmittelabklärung zum Kern der Arbeit, und sie findet dort statt, wo das Problem auftritt. Wenn Sie unsicher sind, schreiben Sie uns über das Kontaktformular eine Zeile dazu, was gerade nicht mehr geht.
