Warum trägt eine feste Tagesstruktur den Tag?
Eine feste Tagesstruktur nimmt dem Gedächtnis Arbeit ab. Wer jeden Tag zur selben Zeit am selben Platz frühstückt, muss sich nicht erinnern, sondern nur wiederholen. Gewohnte Abläufe bleiben bei einer Demenz lange abrufbar, auch wenn das Erinnern an Einzelheiten längst nicht mehr gelingt, und jede Wiederholung spart eine Entscheidung.
Eine Demenz trifft die Gedächtnisarten ungleich. Was gestern besprochen wurde, ist oft weg. Wie man Kaffee aufgiesst oder einen Tisch deckt, bleibt häufig noch da, wenn die Namen der Enkel schon fehlen. Dieses Können im Ablauf trägt die Tagesstruktur.
Die Struktur entsteht deshalb aus dem bisherigen Leben, nicht am Schreibtisch. Wer vierzig Jahre um halb sieben aufgestanden ist, steht um halb sieben auf. Die Reihenfolge zählt mehr als die Uhrzeit: Erst Toilette, dann waschen, dann anziehen, dann essen.
- Feste Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten, Spaziergang und Zubettgehen, auch am Wochenende.
- Jede Tätigkeit an ihrem eigenen Ort, damit der Ort mit erinnert.
- Anstrengendes am Vormittag, wenn die Kräfte am grössten sind.
- Täglich hinaus an das Tageslicht, sei es nur bis zur Bank vor dem Haus.
- Ein grosser Wandkalender und eine Uhr mit Datum an fester Stelle.
Eine Studie, welche die Tagesstruktur als alleinige Massnahme geprüft hätte, ist uns nicht bekannt. Belegt sind Bausteine daraus, etwa dass körperliche und soziale Aktivität am Tag den nächtlichen Schlaf leicht verbessern können; die Struktur als Ganzes ist damit begründet, aber nicht gemessen.
Wie passen Sie die Wohnung an eine Demenz an?
Die Wohnung soll die Antwort geben, bevor die Frage kommt. Dazu gehört helles, blendfreies Licht, ein kräftiger Farbunterschied dort, wo etwas gefunden werden muss, Bild und Wort an Türen und Schranktüren, ein Nachtlicht auf dem Weg zur Toilette und alles Gefährliche ausser Reichweite.
Das Auge braucht im Alter mehr Licht, und bei einer Demenz werden Schatten und Spiegelungen falsch gedeutet. Hell und blendfrei ist die Regel: Mehrere Leuchten statt einer starken und matte statt glänzende Flächen, dazu keine dunkle Ecke im Flur. Kühleres Licht am Morgen und wärmeres am Abend gilt als sinnvoll; die Beleglage dafür ist dünn, schaden kann es nicht.
Die folgenden Punkte sind Empfehlungen aus der Praxis und praktische Tipps, keine Vorschriften. Was davon passt, entscheidet sich an der eigenen Wohnung und daran, was der betroffenen Person vertraut ist.
- Farbiger Toilettensitz auf weissem Becken, damit die Toilette erkannt wird.
- Teller mit farbigem Rand oder farbiges Tischset, damit sich das Essen abhebt.
- Handlauf, Lichtschalter und Türgriff in einer Farbe, die sich abhebt.
- Schachbrettmuster und gemusterte Teppiche weg, sie werden als Stufen oder Löcher gelesen.
- Blaugraue oder glänzende Böden wirken wie Wasser und lassen Menschen stehen bleiben.
- Grosse Spiegel abhängen, wenn das eigene Spiegelbild als fremde Person erschreckt.
Beschriftet wird mit Bild und Wort zugleich: Ein Foto der Tassen auf der Schranktür, das Wort darunter in grossen Buchstaben. Entscheidend sind wenige Schilder an den richtigen Stellen. Wer jede Tür beklebt, erzeugt eine Wand aus Zetteln, in der nichts mehr auffällt.
- Eine Herdsicherung mit Abschaltautomatik oder ein abziehbarer Drehknopf verhindert den vergessenen Topf.
- Die Wassertemperatur begrenzen, damit sich niemand verbrüht.
- Medikamente, Reinigungsmittel und Alkohol wegschliessen, Verdorbenes aussortieren.
- Ein Nachtlicht mit Bewegungsmelder auf dem ganzen Weg vom Bett zur Toilette.
- Dieser Weg bleibt frei von Teppichkanten, Kabeln und Stühlen, die Tür offen oder beleuchtet.
- Gegen nächtliches Weggehen helfen ein Türsensor oder eine Trittmatte mit Signal im Schlafzimmer.
Wer nachts unsicher aufsteht, ist zugleich sturzgefährdet. Die Massnahmen gegen Stürze und die gegen Desorientierung überschneiden sich stark, deshalb lohnt sich der Blick in unseren Beitrag zur Sturzprophylaxe, bevor Sie mit dem Umräumen beginnen.
Wie schneiden Sie eine Tätigkeit so zu, dass sie gelingt?
Zerlegen Sie die Tätigkeit in einzelne Schritte, legen Sie das Material in der Reihenfolge des Gebrauchs hin, räumen Sie alles Übrige weg und geben Sie immer nur eine Anweisung. Übernehmen Sie den schwierigsten Teilschritt selbst und lassen Sie den Rest bei der erkrankten Person.
Überforderung sieht selten nach Überforderung aus. Sie zeigt sich als Gereiztheit oder als Weggehen mitten in der Handlung. Dahinter stecken meist zu viele Schritte auf einmal, und deshalb zählt als Ziel der gelungene Anteil an der Aufgabe, nicht die fertige Aufgabe.
- Wählen Sie eine Tätigkeit, die früher wichtig war: Salat rüsten, Wäsche falten.
- Bereiten Sie den Platz vor: Nur das nötige Material, der Reihe nach.
- Sagen Sie den ersten Schritt kurz und warten Sie. Zeigen statt erklären.
- Erst wenn dieser Schritt getan ist, kommt der nächste. Keine zwei Anweisungen in einem Satz.
- Übernehmen Sie stillschweigend, was nicht mehr geht, etwa den heissen Topf.
- Beenden Sie, bevor die Kraft ausgeht, und lassen Sie das Ergebnis stehen, wie es geworden ist.
Fehler werden nicht korrigiert, sondern umgangen. Wer sagt, das sei falsch herum, erzeugt Scham und meist einen Abbruch. Wer stattdessen die nächste Handlung anstösst oder das Teil unauffällig richtig hinlegt, hält die Tätigkeit am Laufen: fehlerarmes Vorgehen.
Eine amerikanische Studienreihe zu massgeschneiderten Alltagstätigkeiten wird oft als Beleg zitiert, dass sich damit Unruhe und Aggression verringern lassen. Die Ergebnisse dazu fallen je nach Studie unterschiedlich aus; belastbar verbessert haben sich vor allem der Hilfebedarf im Alltag und die Zuversicht der Betreuenden.
Warum geht es um Können und nicht um Gedächtnistraining?
Das Gedächtnis lässt sich bei einer Demenz nicht zurücküben. Wer abfragt, wer das auf dem Foto ist oder welcher Wochentag heute sei, erzeugt Misserfolg und meist Abwehr. Erhalten bleibt dagegen die Fähigkeit, gewohnte Handgriffe auszuführen, wenn jemand sie anstösst und begleitet.
Der Unterschied betrifft mehr als den Ton. Abfragen zielt auf genau die Leistung, welche die Erkrankung zerstört. Alltagstätigkeiten zielen auf das, was noch funktioniert, und enden deshalb eher in einem gedeckten Tisch als in Frustration.
Davon zu trennen ist die kognitive Stimulation: Angeleitete Gesprächs- und Aktivitätsrunden zu Erinnerungen und Alltagsdingen, meist in der Gruppe. Eine Cochrane-Übersicht von 2023 mit 37 Studien und 2766 Teilnehmenden fand dafür einen kleinen Nutzen für die Denkleistung, rund zwei Punkte auf einem gängigen Testverfahren, und einen deutlicheren Effekt auf Gespräch und Beteiligung. Für reines Gedächtnistraining fehlt dieser Beleg.
Wo die Grenzen solcher Verfahren liegen, steht im Beitrag zum kognitiven Training. Für den Alltag zu Hause heisst das: Nicht prüfen, sondern mitmachen lassen.
Wie sprechen Sie mit einem Menschen mit Demenz?
Gehen Sie von vorn heran, suchen Sie den Blickkontakt und sprechen Sie langsam in kurzen Sätzen, eine Sache pro Satz. Stellen Sie Fragen, die sich mit ja oder nein beantworten lassen. Widersprechen Sie nicht, sondern greifen Sie das Gefühl auf, das hinter dem Gesagten steht. Wie das im Alltag konkret aussehen kann, zeigen die folgenden Beispiele.
- Zuerst Blickkontakt, dann sprechen. Von hinten angesprochen zu werden, erschreckt.
- Ein Gedanke pro Satz und keine Verneinungen.
- Namen statt Fürwörter wie er, sie oder das: «Anna kommt» statt «sie kommt».
- Nach einer Frage warten, auch wenn es lange dauert. Antworten brauchen Zeit.
- Bei Wortfindungsstörungen nicht vorsagen, sondern die Richtung anbieten.
- Nicht auf Fehler hinweisen, das Thema nicht wechseln, den Fernseher ausschalten.
Am schwierigsten sind Aussagen, die nicht stimmen. Auf den Satz, die Mutter komme gleich, hilft weder die Wahrheit noch eine erfundene Geschichte, sondern das Gefühl dahinter: Sie vermissen Ihre Mutter. Danach ein Wechsel in eine Tätigkeit. Belastbare Wirksamkeitsstudien zu einzelnen Gesprächsregeln fehlen allerdings.
Untersucht wurden dagegen Schulungen der Angehörigen. Sie sind Teil der mehrteiligen Programme, welche die Belastung der Betreuenden senken. Der Nutzen liegt dort weniger beim Erkrankten als bei denen, die den Tag mit ihm verbringen.
Was hilft bei Unruhe am Abend?
Suchen Sie zuerst nach einer körperlichen Ursache: Schmerz, Harndrang, Verstopfung, Hunger, Durst, Müdigkeit oder ein neues Medikament. Bleibt nichts davon, hilft ein ruhiger Abend mit wenig Reizen, hellem Licht ohne Schatten, geschlossenen Vorhängen und einer immer gleichen Reihenfolge bis ins Bett.
Die abendliche Unruhe hat einen eigenen Namen bekommen, das Sundowning, nach dem englischen Wort für Sonnenuntergang. Erklärt ist sie damit nicht. Naheliegend sind die Erschöpfung nach einem anstrengenden Tag, die schwindende Orientierung bei Dämmerung und die Betriebsamkeit, die dann losgeht.
- Vorhänge schliessen, bevor es dunkel wird, und im Raum Licht machen.
- Am Abend keine Termine und keine Besuche in Gruppen; der Fernseher bleibt aus.
- Tagsüber hinaus und in Bewegung bleiben; Mittagsschlaf kurz halten.
- Kaffee, Schwarztee und Alkohol am Nachmittag weglassen.
- Immer dieselbe Reihenfolge am Abend, bis hin zur gleichen Musik und zum gleichen Sessel.
- Wer aufstehen will, wird begleitet statt festgehalten; eine Runde durch die Wohnung hilft oft.
Dazu gehört eine Einschränkung. Eine Cochrane-Übersicht zu nicht-medikamentösen Massnahmen bei Schlafstörungen bei Demenz wertete 19 Studien mit 1335 Teilnehmenden aus und bewertete die Sicherheit der Ergebnisse als gering bis sehr gering. Am ehesten half körperliche Aktivität am Tag. Zur hellen Lichttherapie kommt eine eigene Übersicht zum Schluss, dass die Evidenz nicht ausreicht.
Was entlastet betreuende Angehörige in der Schweiz?
Entlastung wirkt, wenn sie regelmässig stattfindet und nicht erst im Zusammenbruch beginnt. In der Schweiz gibt es dafür Spitex, Tagesstätten, stundenweise Entlastungsdienste zu Hause, Kurzaufenthalte im Pflegeheim sowie Beratungsstellen und Angehörigengruppen. Den Zugang öffnet meist die Hausärztin oder der Hausarzt.
In der Schweiz lebten nach Schätzungen des Bundes mit Stand 2019 rund 155 000 Menschen mit einer Demenz, etwa die Hälfte von ihnen ohne gestellte Diagnose; jedes Jahr kommen rund 29 500 Erkrankungen dazu. Neuere Schätzungen liegen höher. Rund 47 Prozent der Krankheitskosten entstehen als unbezahlte Betreuung durch Angehörige.
- Spitex: Pflege und Hilfe im Haushalt; ärztlich verordnete Pflege läuft über die zuständige Versicherung.
- Tagesstätten und Tagesstrukturen: Betreuung an festen Tagen ausser Haus, oft mit Fahrdienst.
- Entlastungsdienste: Geschulte Personen kommen stundenweise nach Hause.
- Kurzaufenthalte und Ferienbetten im Pflegeheim für einige Wochen.
- Beratungsstellen in Kanton und Gemeinde: Standortbestimmung, Finanzierung, Vorsorge.
- Angehörigengruppen und Kurse: Austausch mit Menschen in derselben Lage.
Zur Finanzierung: Pflegeleistungen der Spitex laufen auf ärztliche Anordnung über die zuständige Versicherung, Betreuung und Hauswirtschaft in der Regel nicht. Bei ausgewiesener Hilflosigkeit kommt eine Hilflosenentschädigung der AHV oder der IV infrage; die Voraussetzungen klärt die Ausgleichskasse. Zu Franchise und Selbstbehalt gibt die zuständige Versicherung Auskunft.
Bei Angehörigen wirken nachweislich mehrteilige Programme, in denen konkrete Situationen durchgearbeitet und Bewältigungsstrategien geübt werden, zugeschnitten auf die eigene Lage. Eine Broschüre allein verändert die Belastung kaum, weil der Unterschied im Üben liegt.
Was macht die Ergotherapie zu Hause bei einer Demenz?
Die Ergotherapie kommt in die Wohnung, schaut sich einen gewöhnlichen Tag an und arbeitet an drei Dingen: An Tätigkeiten, die noch gelingen sollen, an der Umgebung, die dabei hilft, und an der Anleitung der Angehörigen. Den Verlauf der Erkrankung hält sie nicht auf.
Das ist der Punkt, an dem viele Texte zu viel versprechen. Ergotherapie heilt keine Demenz. Sie verlangsamt den Abbau nicht messbar. Untersucht wurde etwas anderes, nämlich ob Menschen mit einer Demenz länger selbst zurechtkommen und ob die Belastung der Betreuenden sinkt.
Die Antwort fällt uneinheitlich aus. Eine niederländische Studie von 2006 mit zehn Sitzungen zu Hause über fünf Wochen fand deutliche Verbesserungen bei Alltagsfähigkeit und Angehörigenbelastung. Eine deutsche Wiederholung 2011 und eine britische Studie 2021 mit 468 Teilnehmenden fanden im Hauptergebnis keinen Unterschied zur üblichen Versorgung. Die S3-Leitlinie Demenzen empfiehlt Ergotherapie im häuslichen Umfeld unter Einbezug der Bezugspersonen trotz dieser gemischten Beleglage.
- Ein Rundgang mit Blick auf Licht, Kontraste, Beschriftung, Herd, Bad und den Weg zur Toilette.
- Beobachtung einer echten Tätigkeit, um zu sehen, an welchem Teilschritt es hängt.
- Aufbau einer Tagesstruktur, die zur bisherigen Lebensgewohnheit passt.
- Instruktion der Angehörigen: Eine Anweisung geben, warten und nicht korrigieren.
- Erprobung von Hilfsmitteln in der eigenen Wohnung statt im Katalog.
- Sturzprophylaxe und, wo nötig, die Vermittlung von Entlastungsangeboten.
In der Schweiz braucht es dafür eine ärztliche Verordnung; abgerechnet wird über die zuständige Versicherung. Behandelt wird sinnvollerweise dort, wo der Alltag stattfindet, also als Behandlung zu Hause, wenn die Verordnung das vorsieht; dafür muss der Behandlungsort zu Hause auf der Verordnung angekreuzt sein. Was die Ergotherapie in der Geriatrie sonst abdeckt, steht auf der Seite des Fachbereichs; Fragen können Sie uns schreiben.
