Wie häufig stürzen ältere Menschen in der Schweiz?
Rund ein Drittel der Menschen ab 65 stürzt mindestens einmal im Jahr, ab 80 Jahren ist es rund die Hälfte. In der Schweiz werden nach Zahlen der Beratungsstelle für Unfallverhütung jährlich gegen 90 000 Sturzverletzungen bei Menschen ab 65 medizinisch behandelt, und rund 1600 ältere Menschen sterben an den Folgen eines Sturzes.
Was ein einzelner Sturz auslöst, ist greifbarer als die Statistik. Etwa fünf von hundert Stürzen enden mit einem Knochenbruch, ein bis zwei von hundert mit einem Schenkelhalsbruch, also einem Bruch des Oberschenkelknochens nahe am Hüftgelenk. Nach einem solchen Bruch zieht laut Untersuchungen aus dem deutschsprachigen Raum rund ein Fünftel dauerhaft in eine Pflegeeinrichtung.
Rund 95 Prozent der tödlichen Sturzunfälle in der Schweiz betreffen Menschen ab 65 Jahren. Der Sturz selbst ist selten das eigentliche Problem. Das Problem ist die Kette danach: Bruch, Spital, Bettruhe, Kraftverlust, weniger Wege, noch weniger Kraft.
Wo in der Wohnung passieren die meisten Stürze?
Rund die Hälfte der Stürze älterer Menschen geschieht zu Hause, und zwar meist auf ebenem Boden. Im privaten Wohnbereich stehen Wohn- und Schlafzimmer an erster Stelle, danach folgen der Garten und die Treppe im Haus. Gefährlich ist damit gerade der Ort, an dem Sie sich am sichersten fühlen und deshalb am wenigsten aufpassen.
Im Schweizer Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019 verletzten sich pro Jahr rund 45 000 Menschen bei einem Sturz im privaten Wohnbereich. Zwei Drittel aller Sturzunfälle geschehen ebenerdig. Gefürchtet wird die Treppe, gestürzt wird aber häufiger im Wohnzimmer auf gerader Strecke, etwa mit der Wäsche auf dem Arm.
Die Zeichnung zeigt einen gewöhnlichen Grundriss von oben. Fünf Stellen sind nummeriert, weil sie in Wohnraumabklärungen immer wieder auftauchen: Die Teppichkante im Flur (1), ein Kabel quer durch den Wohnraum (2), die Schwelle zum Bad (3), der Weg zum Bett im Dunkeln (4) und der Hocker statt Leiter (5). Gehen Sie Ihre eigene Wohnung mit diesen fünf Nummern ab.
Welche fünf Stellen lohnt es sich zuerst anzuschauen?
Fünf Stellen lassen sich an einem Nachmittag entschärfen: Die Teppichkante im Flur, das Kabel quer durch den Wohnraum, die Schwelle zum Bad, der Weg zum Bett im Dunkeln und der Hocker, auf den man steigt. Für keine davon braucht es einen Umbau. Alle fünf sind auf der Zeichnung nummeriert.
Die folgenden fünf Stellen sind Beispiele und keine abschliessende Liste. Sie kommen in vielen Wohnungen vor, deshalb stehen sie hier. In Ihrer Wohnung können ganz andere Stellen die wichtigeren sein, etwa eine steile Treppe, ein Balkonabsatz oder der Weg zum Briefkasten. Am ergiebigsten ist es, die eigene Wohnung einmal in Ruhe mit diesem Blick abzugehen.
- Die Teppichkante im Flur. Kleine Läufer und Vorleger kommen weg oder werden mit einer Gleitschutzmatte unterlegt. Ränder, die sich aufstellen, kleben Sie mit doppelseitigem Teppichklebeband fest. Auch die Fussmatte beim Eingang gehört bodeneben verlegt. Den Flur passieren die meisten Menschen viele Male am Tag, oft mit etwas in beiden Händen.
- Das Kabel quer durch den Wohnraum. Kein Kabel darf eine Gehlinie kreuzen. Führen Sie die Kabel von Stehlampe, Fernseher, Telefon und Ladegerät der Wand entlang und binden Sie sie zusammen. Sitzt die Steckdose an der falschen Wand, lassen Sie eine zweite setzen, statt das Kabel quer zu verlegen.
- Die Schwelle zum Bad. Schwellen, über die Sie steigen statt gehen, gleichen Sie mit einer flachen Rampe aus. Ins Bad gehören Gleitschutzstreifen in Wanne und Dusche, eine rutschfeste Badematte und ein fest verschraubter Haltegriff neben WC und Dusche. Der Badtuchhalter taugt nicht als Haltegriff, weil er unter Belastung aus der Wand reisst.
- Der Weg zum Bett im Dunkeln. Der nächtliche Gang zur Toilette braucht Licht, das Sie im Liegen einschalten können, besser ein Nachtlicht mit Bewegungsmelder über die ganze Strecke. Die Strecke bleibt frei von Schuhen, Taschen, Wäschekörben und allem, was abends dort abgestellt wird. Prüfen Sie sie einmal nachts und nicht bei Tageslicht.
- Der Hocker statt der Leiter. Küchenhocker, Drehstuhl und Bettkante sind keine Aufstiegshilfen. Für alles über Kopfhöhe gehört ein standsicherer Tritt mit Haltebügel in die Wohnung. Besser noch: Räumen Sie alles Wöchentliche zwischen Hüft- und Schulterhöhe um, dann steigen Sie gar nicht erst hinauf.
Wie viel das bringt, lässt sich beziffern, und die Antwort ist ehrlicher, als Checklisten sonst zugeben. Eine Cochrane-Übersicht von 2023 mit 22 Studien und über 8000 Teilnehmenden fand für das Beseitigen von Gefahrenstellen zu Hause eine um rund 26 Prozent tiefere Sturzrate, bei hohem Sturzrisiko rund 38 Prozent. Bei Menschen ohne erhöhtes Risiko zeigte dieselbe Massnahme keinen Nutzen. Wer im letzten Jahr gestürzt ist oder im Alltag Hilfe braucht, gewinnt also messbar, während die Änderungen bei sicher Gehenden vor allem Ordnung schaffen.
Was bringen besseres Licht und andere Schuhe?
Licht wirkt dort, wo Sie nachts gehen und wo der Boden die Farbe wechselt: Treppenkanten, Schwellen, der Weg zum Bad. Bei Schuhen zählen Fersenhalt und griffiges Profil. Ob ein Schuhwechsel allein Stürze verhindert, ist schlechter belegt, als die Häufigkeit dieses Ratschlags vermuten lässt.
Das Auge braucht mit zunehmendem Alter deutlich mehr Licht und stellt sich langsamer auf den Wechsel zwischen hell und dunkel ein. Beim Licht geht es deshalb um die Übergänge, nicht um Helligkeit überall.
- Der Lichtschalter liegt dort, wo Sie den Raum betreten, und ist im Dunkeln zu finden.
- Treppen werden hell, aber blendfrei beleuchtet, mit Schalter oben und unten.
- Stufenvorderkanten sind kontrastreich markiert, hell auf dunklem Belag oder umgekehrt.
- Bewegungsmelder im Flur brennen lange genug für den ganzen Weg.
- Stark gemusterte oder spiegelnde Böden erschweren das Erkennen von Kanten.
Bei den Schuhen ist die Empfehlung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (fremde Seite, öffnet in einem neuen Fenster) eindeutig: Hausschuhe mit Fersenhalt und griffigem Profil, nicht Pantoffeln, aus denen der Fuss beim Gehen rutscht. Socken auf Parkett sind die schlechteste Wahl im Haus. Eine Zahl zum Nutzen eines Schuhwechsels als alleinige Massnahme gibt die Cochrane-Übersicht allerdings nicht her, weil die Studien zu unterschiedlich waren; der Rat ist also plausibel, aber schwächer belegt als Training und aufgeräumte Wohnung.
Was bringt Kraft- und Gleichgewichtstraining wirklich?
Training senkt die Sturzrate um etwa ein Viertel, was für eine Einzelmassnahme viel ist. Wirksam ist Gleichgewichts- und Funktionstraining, also Üben im Stehen und Gehen an der eigenen Standgrenze. Krafttraining allein, Gehtraining und Tanz sind nach der Cochrane-Übersicht nicht ausreichend belegt. Entscheidend ist das Dranbleiben.
Die Zahlen stammen aus der Cochrane-Übersicht von 2019 zu Bewegung und Sturzprävention bei zu Hause lebenden älteren Menschen. Training jeder Art senkte die Sturzrate um 23 Prozent gegenüber keiner Übung. Für Gleichgewichts- und Funktionstraining allein waren es 24 Prozent bei hoher Vertrauenswürdigkeit der Evidenz, für Programme aus Gleichgewicht und Kraft zusammen 34 Prozent, für Tai Chi 19 Prozent bei geringer Vertrauenswürdigkeit.
- Aus dem Stuhl aufstehen und absitzen, ohne die Hände zu benutzen, mehrmals hintereinander.
- Tandemstand: Ein Fuss direkt vor den anderen, Ferse an Zehen, eine Hand an der Arbeitsfläche.
- Einbeinstand beim Zähneputzen, Waschbecken in Reichweite, Seite wechseln.
- Auf der Stelle gehen und dabei den Kopf nach links und rechts drehen.
- Über eine gedachte Linie gehen, langsam, mit Blick nach vorn statt auf die Füsse.
Geübt wird dort, wo es im Alltag schiefgeht, etwa am Küchenschrank oder an der eigenen Treppe. Der Reiz muss so gross sein, dass es etwas wackelt. Welche Wochenstundenzahl nötig ist, lässt sich aus der Übersicht nicht sicher ableiten; am besten belegt ist das Merkmal des Trainings, weniger sicher die Dosis. Wo Ihre Grenze liegt, misst der Timed Up and Go, ein kurzer Test, bei dem Sie vom Stuhl aufstehen, drei Meter gehen, umkehren und sich wieder setzen, während die Zeit gestoppt wird. Auch die Ergotherapie in der Geriatrie führt ihn durch.
Warum gehören Medikamente und Brille zur Sturzprophylaxe?
Vierzehn Medikamentengruppen erhöhen das Sturzrisiko messbar, darunter Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Neuroleptika, Opioide, Entwässerungsmittel und einige Blutdrucksenker. Wer mehr als vier Medikamente nimmt, gilt allein deswegen als gefährdet. Auch rezeptfreie Mittel gegen Allergien und gegen Schlafstörungen gehören auf diese Liste, und die Brille gehört ebenfalls geprüft.
Die Einteilung stammt aus einem europäischen Fachkonsens geriatrischer Gesellschaften. Er nennt zusätzlich Antiepileptika, Antihistaminika, Mittel gegen eine überaktive Blase, Alphablocker und blutzuckersenkende Tabletten mit Unterzuckerungsrisiko, und er empfiehlt bei einem Teil davon ein schrittweises Ausschleichen statt eines abrupten Absetzens.
Daraus folgt ein einziger konkreter Schritt: Nehmen Sie alle Packungen zur nächsten Konsultation mit, auch die aus der Drogerie und die Tropfen zum Einschlafen, und sagen Sie, dass Sie gestürzt sind oder sich unsicher fühlen. Ob ein Medikament reduziert, ersetzt oder ausgeschlichen wird, entscheidet ausschliesslich die Ärztin oder der Arzt. Setzen Sie nichts selbst ab.
Beim Sehen ist die Sache weniger eindeutig, als Ratgeber es darstellen. Eine jährliche Kontrolle der Sehkraft und die Behandlung eines grauen Stars sind sinnvoll, weil beides den Alltag verbessert. Die erwähnte Cochrane-Übersicht fand jedoch, dass die Korrektur des Sehens als alleinige Massnahme die Sturzrate kaum beeinflusste. Sie ersetzt also weder Training noch aufgeräumte Wohnung.
Was richtet die Angst vor einem Sturz an?
Zwanzig bis fünfzig Prozent der älteren Menschen haben Angst vor einem Sturz, viele davon ohne je gestürzt zu sein. Die Angst führt dazu, dass man weniger geht und weniger unternimmt. Kraft und Gleichgewicht nehmen ab, und damit steigt genau das Risiko, vor dem man sich fürchtet.
Tritt dieser Kreislauf nach einem erlebten Sturz auf, heisst er in der Geriatrie Post-Fall-Syndrom; er kann aber auch ohne Sturz beginnen. Er beginnt selten dramatisch. Häufiger fängt er damit an, dass jemand den Spaziergang bei Nässe auslässt, dann den Besuch im ersten Stock. Nach einem halben Jahr ist der Aktionsradius auf die Wohnung geschrumpft, und das Gehen ist tatsächlich unsicherer geworden.
Angehörige verstärken das in bester Absicht, indem sie Wege abnehmen. Hilfreicher ist, die gefürchtete Tätigkeit in kleinen Schritten und mit Begleitung wieder zu üben, statt sie zu ersetzen.
Eine Cochrane-Übersicht kommt zum Schluss, dass kognitive Verhaltenstherapie die Sturzangst bei selbstständig lebenden älteren Menschen wahrscheinlich verringert und dass der Effekt mindestens ein halbes Jahr anhält. Er ist allerdings klein, und ob er im Alltag spürbar wird, bleibt offen. Handfest hilft daneben etwas anderes: Das Aufstehen vom Boden zu üben, solange man es noch nicht braucht.
Was macht die Ergotherapie bei einer Wohnraumabklärung?
Eine Ergotherapeutin oder ein Ergotherapeut kommt zu Ihnen nach Hause und geht mit Ihnen den Alltag ab: Aufstehen, gehen, Treppe, Bad, Küche, Nacht. Aus dem, was dabei sichtbar wird, entsteht eine Liste konkreter Änderungen und ein Trainingsplan, der an Ihren eigenen Möbeln geübt wird.
Der Unterschied zur Checkliste: Beurteilt wird nicht die Wohnung, sondern Sie in Ihrer Wohnung. Eine Schwelle ist keine Gefahr an sich; sie wird zu einer, wenn Sie sie mit der Wäsche im Arm und bei halbdunkler Beleuchtung nehmen, und deshalb wird beobachtet statt bloss ausgemessen.
- Die Sturzgeschichte: Wann, wo, wobei, wie oft, und was Sie seither vermeiden.
- Gehen, Aufstehen, Umdrehen und Treppensteigen unter Beobachtung, bei Bedarf mit dem Timed Up and Go.
- Ein Rundgang durch alle Räume samt Keller, Balkon und Zugang zum Haus.
- Prüfung von Haltegriffen, Sitzhöhen, Bettkanten, Beleuchtung und Bodenbelägen, jeweils dort, wo Sie sie benutzen.
- Ein Übungsprogramm für Gleichgewicht und Kraft samt Aufstehen vom Boden, dazu eine schriftliche Liste der Änderungen nach Dringlichkeit.
In der Schweiz braucht es für Ergotherapie eine ärztliche Verordnung. Abgerechnet wird über die zuständige Versicherung, Franchise und Selbstbehalt laufen über die zuständige Versicherung; nach einem Unfall übernimmt in der Regel die Unfallversicherung. Zu Beträgen gibt Ihnen die zuständige Versicherung Auskunft. Eine Wohnraumabklärung findet sinnvollerweise bei Ihnen zu Hause statt; wir führen sie in Thalwil und den Nachbargemeinden als Behandlung zu Hause durch, wenn die Verordnung das vorsieht. Dafür muss der Behandlungsort zu Hause auf der Verordnung angekreuzt sein. Danach können Sie direkt einen Termin vereinbaren oder uns Ihre Fragen schreiben.
