Welche Frage stellt die Physiotherapie, welche die Ergotherapie?
Die Physiotherapie fragt: Wie bewegt sich der Körper, und was hindert ihn daran? Die Ergotherapie fragt: Welche Handlung im Alltag gelingt nicht mehr, und woran liegt es? Die eine setzt bei Struktur und Funktion an, die andere bei der Tätigkeit, die Sie wieder ausführen wollen.
Beide Berufe schauen auf denselben Menschen, aber sie beginnen an verschiedenen Stellen. Die Physiotherapie ist das Fach für Bewegung und Körperfunktion: Beweglichkeit eines Gelenks, Kraft eines Muskels, Gleichgewicht, Ausdauer, Schmerz bei Belastung. Der Schweizer Berufsverband beschreibt Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten als Fachpersonen für Bewegungsverhalten, Körperfunktion und Leistungsfähigkeit.
Die Ergotherapie ist das Fach für Handlungsfähigkeit. Der Schweizer Berufsverband gliedert ihre Arbeitsfelder in Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit: Körperpflege und Anziehen, Arbeit, Haushalt und Schule, Hobby und soziales Leben. Der Ausgangspunkt ist nicht das Gelenk, sondern die Verrichtung, die daran hängt.
Dahinter steht ein Denkmodell, das beide Berufe teilen: Die internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit der Weltgesundheitsorganisation. Sie unterscheidet Körperfunktionen und Körperstrukturen von Aktivität und Teilhabe. Die Physiotherapie hat ihren Schwerpunkt eher auf der ersten Ebene, die Ergotherapie eher auf der zweiten, wobei das ein Blickwinkel ist und keine feste Grenze.
- Physiotherapie: «Das Handgelenk beugt sich noch nicht weit genug, und die Kraft fehlt.»
- Ergotherapie: «Sie kommen mit der Hand nicht an den Hosenknopf, und das Glas rutscht.»
- Beide Sätze können denselben Befund beschreiben und führen doch zu einer anderen Behandlung.
Was macht eine Ergotherapeutin oder ein Ergotherapeut konkret?
Ergotherapie beginnt bei einer Handlung, die Ihnen wichtig ist: Knöpfe schliessen oder den Schlüssel drehen. Geübt wird an dieser Handlung selbst. Dazu kommen Schienen, angepasste Alltagsgegenstände und Veränderungen in der Wohnung oder am Arbeitsplatz, wenn der Weg über die Funktion allein nicht reicht.
Am Anfang steht eine Abklärung, die anders aussieht als eine reine Funktionsprüfung. Gemessen wird zwar auch, aber die eigentliche Frage lautet: Was wollen Sie in vier Wochen wieder können, das heute nicht geht? Daraus wird ein Ziel, das man überprüfen kann, und daran hängt der Rest der Behandlung.
Der zweite Unterschied liegt im Werkzeugkasten. Die Ergotherapie darf den Weg zur Handlung verändern, wenn der direkte Weg versperrt bleibt. Ein dickerer Griff am Besteck oder ein Haltegriff neben der Dusche: Solche Anpassungen sind keine Notlösung, sondern ein eigenständiger Teil des Fachs.
- Training an der Tätigkeit selbst statt allein an der Bewegung dahinter
- Herstellung und Anpassung von Schienen, vor allem nach Verletzungen und Operationen an der Hand
- Narbenbehandlung, Sensibilitätstraining und Aufbau der Belastbarkeit im Gebrauch
- Beratung zu Hilfsmitteln und zur Einrichtung von Wohnung und Arbeitsplatz
- Training von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Handlungsplanung nach neurologischen Erkrankungen
Was die Ergotherapie ausdrücklich nicht ist: Ein Fach nur für Kinder. Die Vorstellung hält sich hartnäckig. Der Berufsverband nennt Menschen jeden Alters als Zielgruppe, und in unserer Praxis sitzen überwiegend Erwachsene, etwa nach einer Handoperation oder nach einem Hirnschlag.
Wo überschneiden sich Ergotherapie und Physiotherapie?
An der Hand und in der Neurologie liegen beide Berufe nahe beieinander. Den Titel zertifizierte Handtherapeutin oder zertifizierter Handtherapeut Schweiz können Fachpersonen aus der Ergotherapie und aus der Physiotherapie erwerben. Nach einem Hirnschlag üben beide Bewegung. Der Unterschied liegt dann weniger im Beruf als im vereinbarten Ziel.
Die Handtherapie ist das beste Beispiel. Sie ist in der Schweiz keine eigene Grundausbildung, sondern eine Weiterbildung, und die Fachgesellschaft für Handrehabilitation lässt dazu genau zwei Grundberufe zu: Ergotherapie und Physiotherapie. Wer Ihre Schiene anpasst, hat also nicht zwingend Ergotherapie studiert, sondern in jedem Fall diese Weiterbildung.
In der Praxis hat sich trotzdem eine Arbeitsteilung eingespielt. Die ambulante Nachbehandlung der Hand läuft häufig über die Ergotherapie, weil Schienenbau und Alltagstraining dort zusammenkommen. Wie das im Einzelfall geregelt ist, hängt vom Angebot vor Ort ab und nicht von einer Regel. Mehr dazu steht bei Handtherapie nach einer Operation.
Die zweite grosse Überschneidung ist die Neurologie. Nach einem Hirnschlag arbeiten beide Berufe an Bewegung, und beide arbeiten intensiv. Die Physiotherapie richtet den Blick oft auf Rumpf, Beine, Gehen und Gleichgewicht, die Ergotherapie auf Arm und Hand im Gebrauch sowie auf Wahrnehmung und Selbstversorgung. Wo genau die Linie verläuft, klärt das Behandlungsteam.
Welche Ausbildung steht hinter den beiden Berufen?
Beide Berufe führen in der Schweiz über ein Bachelorstudium an einer Fachhochschule zum Bachelor of Science, in der Regel drei Jahre. In der Ergotherapie entfällt etwa ein Drittel des Studiums auf Praktika. Danach folgen Weiterbildungen, etwa in Handtherapie oder Neurorehabilitation. Ein Ausbildungsgefälle zwischen den Berufen gibt es nicht.
Das Ergotherapiestudium umfasst hundertachtzig Kreditpunkte und wird an vier Fachhochschulen angeboten: Zwei in der Deutschschweiz, je eine in der Westschweiz und im Tessin. Rund zwei Drittel finden an der Hochschule statt, ein Drittel in Praktika in ergotherapeutischen Arbeitsfeldern. Der Abschluss berechtigt zur Berufsausübung, ein Master ist möglich, aber nicht Voraussetzung.
Für die Physiotherapie ist der Bachelor of Science an einer Fachhochschule ebenfalls die Eintrittsqualifikation, mit Master- und Doktoratsstufen darüber. Die Studieninhalte unterscheiden sich in der Gewichtung: Bewegungswissenschaft und Trainingslehre auf der einen Seite, Handlungsanalyse und Hilfsmittelversorgung auf der anderen.
Wann sind beide Therapien gleichzeitig sinnvoll?
Wenn ein Problem den Körper und den Alltag zugleich trifft, ergibt beides nebeneinander Sinn. Nach einem Hirnschlag arbeitet die Physiotherapie oft am Gehen und am Gleichgewicht, die Ergotherapie an Arm, Hand und Selbstversorgung. Nötig ist dann, dass beide dasselbe Ziel kennen und sich untereinander absprechen.
Die Rehabilitation nach einem Hirnschlag ist von Beginn an ein Zusammenspiel mehrerer Berufe. Öffentliche Patienteninformationen von Universitätskliniken beschreiben genau dieses Vorgehen: Früher Beginn, hohe Übungsdichte, gemeinsame Zielsetzung, regelmässige Neubeurteilung. Die Aufteilung entsteht aus dem Ziel, nicht aus einer Zuständigkeitsordnung. Wie der Alltag danach wieder aufgebaut wird, steht bei Nach dem Schlaganfall.
- Nach einem Hirnschlag: Gehen und Gleichgewicht auf der einen Seite, Arm, Hand und Selbstversorgung auf der anderen
- Nach einer grösseren Verletzung mit mehreren betroffenen Körperabschnitten
- Bei fortschreitenden neurologischen Erkrankungen, wenn Beweglichkeit und Alltagsbewältigung zugleich nachlassen
- Bei einem geplanten Wiedereinstieg in die Arbeit, wenn Belastbarkeit und Arbeitsplatz beide angepasst werden müssen
Zwei Therapien nebeneinander bedeuten zwei Termine und zwei Verordnungen. Für Menschen, die schnell erschöpfen, kann diese Mehrfachbelastung problematisch werden. Sprechen Sie das an. Manchmal ist es sinnvoller, die eine Therapie zuerst und die andere später zu führen, statt beide halbherzig gleichzeitig.
Wer verordnet was, und wie zahlt die zuständige Versicherung?
Beide laufen über die zuständige Versicherung und beide brauchen eine Verordnung. Physiotherapie dürfen Ärztinnen und Ärzte sowie Chiropraktorinnen und Chiropraktoren anordnen, Zahnärztinnen und Zahnärzte nur im Rahmen zahnärztlicher Behandlungen; Ergotherapie nur Ärztinnen und Ärzte. Eine Anordnung umfasst bei beiden höchstens neun Sitzungen. Zu den Beträgen gibt die zuständige Versicherung Auskunft.
Die Krankenpflege-Leistungsverordnung des Bundes regelt beide Therapien in zwei benachbarten Artikeln, und der Aufbau ist fast identisch. Ein Unterschied fällt auf: Die Frist bis zur ersten Behandlung beträgt bei der Physiotherapie fünf Wochen seit der ärztlichen Anordnung, bei der Ergotherapie acht Wochen.
- Höchstens neun Sitzungen pro Verordnung, danach braucht es eine neue
- Erste Behandlung: Physiotherapie innert fünf Wochen, Ergotherapie innert acht Wochen
- Ab insgesamt sechsunddreissig Sitzungen prüft die Vertrauensärztin oder der Vertrauensarzt die Fortsetzung
- Bei Krankheit zahlt die Krankenkasse, bei einem Unfall die Unfallversicherung; Franchise und Selbstbehalt tragen Sie
- Bei einem Unfall zahlt in der Regel die Unfallversicherung. Läuft der Unfall über die obligatorische Unfallversicherung des Arbeitgebers, entfallen Franchise und Selbstbehalt; ist er über die Krankenkasse gedeckt, etwa bei Pensionierten, Kindern oder Nichterwerbstätigen, gelten Franchise und Selbstbehalt wie bei Krankheit
Zwei Therapien gleichzeitig heissen zwei Anordnungen. Eine Verordnung für Physiotherapie deckt keine Ergotherapie ab und umgekehrt. Was auf dem Formular fehlt, rechnet die Kasse nicht ab. Den Ablauf, die Fristen und die Kostenbeteiligung erklärt Ergotherapie auf Verordnung im Einzelnen.
Woran erkennen Sie, welche Therapie Sie brauchen?
Stellen Sie sich vor, was Sie am nächsten Morgen wieder tun wollen. Geht es darum, wie sich ein Gelenk bewegt oder wie weit Sie gehen können, führt der Weg meist in die Physiotherapie. Geht es um eine bestimmte Verrichtung, die misslingt, meist in die Ergotherapie.
Die Zuordnung entscheiden Sie nicht allein, und Sie müssen es auch nicht. Die Verordnung stellt die Ärztin oder der Arzt aus, und darauf steht, welche Therapie gemeint ist. Sie können das Gespräch aber vorbereiten, und zwar mit einem einzigen Satz.
- Notieren Sie eine konkrete Tätigkeit, die seit Kurzem nicht mehr gelingt, so genau wie möglich.
- Schreiben Sie dazu, woran es Ihrem Eindruck nach scheitert: Kraft, Beweglichkeit, Schmerz, Gefühl, Ausdauer oder Unsicherheit.
- Nehmen Sie beides in die Sprechstunde mit und nennen Sie es zu Beginn.
- Fragen Sie nach, wenn Ihnen die Zuordnung auf der Verordnung nicht einleuchtet.
Ein Satz wie «Ich bringe den Deckel des Marmeladenglases nicht mehr auf» sagt in der Sprechstunde mehr als «meine Hand tut weh». Er benennt eine Handlung und einen Widerstand. Aus solchen Sätzen entsteht ein überprüfbares Therapieziel, unabhängig davon, welcher der beiden Berufe es am Ende übernimmt. Welche Bereiche wir abdecken, steht bei unseren Fachbereichen.
