Wo genau bricht der Knochen beim Handgelenkbruch?
Der Bruch liegt fast immer im letzten Stück der Speiche, wenige Zentimeter vor dem Handgelenk. Die Speiche trägt dort den grössten Teil der Last, die von der Hand in den Unterarm läuft. Bei einem Sturz auf die ausgestreckte Hand gibt dieser Abschnitt zuerst nach, die Elle bleibt oft ganz.
Der Unterarm hat zwei Knochen. Die Speiche, lateinisch Radius, liegt auf der Daumenseite, die Elle, lateinisch Ulna, auf der Kleinfingerseite. Zum Handgelenk hin wird die Speiche breit und übernimmt den Kontakt zur Handwurzel. Genau dieser verbreiterte Abschnitt ist der schwächste Punkt der Kette: Innen weiches, schwammartiges Knochengewebe, aussen eine dünne Schale. «Distal» heisst nichts anderes als körperfern, also handgelenksnah.
Fällt jemand nach vorn und fängt sich mit der ausgestreckten Hand ab, läuft die gesamte Wucht in Sekundenbruchteilen durch die Handfläche in die Speiche. Das Bruchstück kippt dabei meist nach oben, zum Handrücken hin. Diese Form heisst nach ihrem Erstbeschreiber Colles-Fraktur. Kippt es umgekehrt zur Handfläche, spricht man von einer Smith-Fraktur; sie ist seltener und gilt als instabiler.
Dieser Bruch macht rund ein Fünftel aller Knochenbrüche bei Erwachsenen und rund ein Viertel bei Kindern und Jugendlichen aus. Dass er so häufig ist, hat zwei Gründe: Die Hand fährt reflexhaft nach vorn, bevor der Kopf denken kann, und der Knochen an dieser Stelle verliert mit den Jahren Dichte. Deshalb gibt es zwei Altersgipfel: Zwischen 10 und 14 Jahren und ab 60 Jahren, wobei ab dem mittleren Lebensalter Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer.
Wann wird gegipst und wann operiert?
Entscheidend ist, ob die Bruchstücke in guter Stellung stehen und dort bleiben. Ein stabiler Bruch ohne nennenswerte Verschiebung wird im Gips behandelt. Ist der Bruch verschoben, instabil, ins Gelenk hinein verlaufen oder drückt er auf einen Nerv, wird in der Regel operiert und mit einer Platte fixiert.
Die Grenzwerte sind in der Leitlinie festgehalten und werden am Röntgenbild gemessen: Wie stark das Bruchstück gekippt ist und ob die Gelenkfläche eine Stufe aufweist. Bleibt alles innerhalb dieser Werte, ist ein Gips die einfachere und gleichwertige Lösung. Rutscht die Stellung in den Kontrollröntgenbildern der ersten zwei Wochen nach, wird nachträglich operiert; deshalb sind diese Kontrollen wichtig.
- Konservativ im Gips: Stabile Brüche ausserhalb des Gelenks, gering verschobene Gelenkbrüche und Brüche, die sich gut einrichten lassen.
- Operativ mit Platte: Instabile und verschobene Brüche, Stufen in der Gelenkfläche, offene Brüche, begleitende Nervendruckzeichen und ein misslungener Gipsversuch.
- Die Platte wird meist von der Handflächenseite her eingebracht. Sie hält den Bruch so fest, dass früh bewegt werden darf.
- Bei Menschen im höheren Alter und bei geringen Ansprüchen an die Hand kann auch eine im Röntgenbild sichtbar schiefe Stellung zu einer guten Funktion führen.
Ein Sturz ist ein Unfall, ein Bruch ohne äusseres Ereignis ist es nicht. Melden Sie den Unfall Ihrem Arbeitgeber oder Ihrer Krankenkasse. Bei Unfällen, die über die obligatorische Unfallversicherung des Arbeitgebers laufen, entfallen Franchise und Selbstbehalt. Ist der Unfall über die Krankenkasse gedeckt (etwa bei Pensionierten, Kindern oder Nichterwerbstätigen), gelten Franchise und Selbstbehalt wie bei Krankheit.
Wie lange bleibt die Hand ruhiggestellt?
Bei einem im Gips behandelten Bruch sind es in der Regel vier bis sechs Wochen. Nach einer Operation mit Platte wird kürzer ruhiggestellt: Oft eine bis zwei Wochen eine abnehmbare Schiene, je nach Bruch danach noch eine Orthese. Die genaue Vorgabe macht die Ärztin oder der Arzt.
Der Unterschied hat einen einfachen Grund. Im Gips hält der Verband selbst die Bruchstücke zusammen, deshalb muss er bleiben, bis der Knochen trägt. Die Platte übernimmt genau diese Aufgabe von innen. Sie ist stabil genug, dass Sie das Handgelenk früh bewegen dürfen, ohne dass die Stellung verlorengeht.
Wer den Arm wochenlang am Körper anlegt, hat am Ende zwei Probleme statt eines: Das Handgelenk und eine steife Schulter. Die steife Schulter lässt sich ohne fremde Hilfe vermeiden, mit den Bewegungen aus der Liste oben.
Warum ist die Hand nach dem Gips steif und geschwollen?
Weil unbewegtes Gewebe verklebt und Flüssigkeit ohne Bewegung nicht abfliesst. Gelenkkapseln und Sehnenscheiden verkürzen innerhalb weniger Wochen, die Knorpelflächen werden schlechter versorgt. Gleichzeitig fehlt die Muskelpumpe, die Lymphe und Blut aus der Hand zurücktransportiert. Beides zusammen ergibt die dicke, ungelenke Hand nach der Gipsabnahme.
Dazu kommt der Bruch selbst. Ein Knochenbruch verletzt das ganze Gebiet und nicht allein den Knochen: Blutgefässe reissen ein, das Gewebe reagiert mit einer Entzündung, und die Entzündung bringt Flüssigkeit mit. Diese Flüssigkeit ist zäher als normales Gewebswasser. Bleibt sie liegen, bilden sich darin Fasern, und aus der Schwellung wird eine Verklebung.
Was gegen die Schwellung wirklich hilft
- Die Hand über Herzhöhe lagern, mehrmals täglich und in Ruhephasen konsequent.
- Die Finger bewegen: Die vorsichtige Faust ohne Schmerzen.
- Sanfte Kompression mit einem elastischen Handschuh oder einer Fingerwicklung.
- Streichungen zur Achsel hin, in Richtung der Lymphknoten, mit sehr leichtem Druck.
- Die Hand im Alltag einsetzen: Eine Tasse halten oder Knöpfe schliessen.
Wärme und intensives Kneten sind in dieser Phase keine gute Idee, sie steigern die Durchblutung und damit die Schwellung. Kühlen ist erlaubt, aber nie direkt auf der Haut und nicht länger als etwa zehn Minuten am Stück.
Was wird in den ersten Wochen nach dem Gips gemacht?
Zuerst Schwellung und Fingerbeweglichkeit, dann das Handgelenk, zuletzt die Kraft. In den ersten Wochen nach der Abnahme wird aktiv bewegt, nicht gedehnt und nicht belastet. Wichtig ist dabei, dass die Muskulatur der Finger im oberen Teil des Unterarms liegt und ihre Beuge- und Strecksehnen direkt durch das betroffene Gebiet verlaufen.
- Woche eins bis zwei nach der Abnahme: Schwellung senken, Finger vollständig beugen und strecken, das Handgelenk aktiv und schmerzarm bewegen. Keine Zugkraft, kein Abstützen. Ebenso wichtig und Teil der Ergotherapie: Die Oberarm- und Schultermuskulatur soll möglichst entspannt bleiben, sie ist rein medizinisch gesehen nicht Teil der Verletzung.
- Woche drei bis vier: Bewegungsumfang von Handgelenk und Unterarmdrehung ausbauen, erste Alltagstätigkeiten mit leichtem Widerstand, Narbenbehandlung nach einer Operation.
- Ab etwa Woche sechs nach der Gipsabnahme beziehungsweise nach der Operation, nach ärztlicher Freigabe: Kraftaufbau, Abstützen, schwerere Gegenstände, Rückkehr zu Arbeit und Sport in Stufen.
Die Unterarmdrehung üben Sie am besten mit angelegtem Ellbogen: Oberarm eng an den Rumpf, Ellbogen rechtwinklig, dann die Handfläche langsam nach oben und wieder nach unten drehen. Ohne angelegten Ellbogen weicht die Schulter aus und die Bewegung sieht besser aus, als sie ist. Dasselbe gilt für die Handgelenksbeugung: Der Unterarm liegt auf, nur die Hand bewegt sich.
In der Handtherapie geht es in dieser Phase weniger um Übungsanleitung als um die Frage, wo der Fortschritt hängenbleibt und warum. Gemessen wird der Bewegungsumfang, kontrolliert wird die Schwellung, und der Belastungsaufbau wird an das angepasst, was Sie zu Hause und bei der Arbeit tatsächlich tun. Die Leitlinie hält fest, dass ein Vorteil von angeleiteter Therapie gegenüber gut instruiertem Selbsttraining bisher nicht belegt ist. Wer die Übungen versteht und zuverlässig macht, kommt bei einem unkomplizierten Verlauf auch allein weit.
Die Übungen für zu Hause finden Sie in den Merkblättern für Patientinnen und Patienten zum Ausdrucken. Sinnvoll sind kurze Einheiten, fünf bis zehn Minuten, mehrmals über den Tag verteilt. Eine lange Einheit am Abend bringt weniger und lässt die Hand oft wieder anschwellen.
Wie lange dauert die Erholung insgesamt?
Der grösste Teil der Beschwerden geht innerhalb von etwa zwei Monaten zurück. Wer danach noch Beschwerden hat, darf damit rechnen, dass sechs Monate nach dem Bruch nur noch wenig Schmerz und wenig Einschränkung übrig sind. Bis Kraft und Feinbeweglichkeit vollständig zurück sind, vergeht oft ein Jahr.
Diese Spanne verunsichert viele, weil sie so weit ist. Sie hat einen sachlichen Grund: Die Bruchformen unterscheiden sich stark. Ein glatter Bruch ausserhalb des Gelenks bei einem 45-jährigen Menschen verläuft anders als ein Trümmerbruch mit Gelenkbeteiligung bei einem 78-jährigen. Auch die Ausgangsbeweglichkeit zählt, und ob die dominante Hand betroffen ist.
Der Fortschritt kommt nicht gleichmässig. Die ersten Wochen nach der Gipsabnahme bringen sichtbare Sprünge, danach wird es zäh, und in dieser zähen Phase brechen viele die Übungen ab. Die vollständige Beweglichkeit und die endgültige Handkraft werden meist erst nach drei Monaten bis zu einem Jahr nach der Verletzung erreicht. Bei manchen Menschen dauert es auch länger als ein Jahr, bis die Funktion wieder vollständig da ist, und auch das liegt im normalen Rahmen.
Die Kraft der verletzten Hand mit der Gegenseite zu vergleichen, ist ein brauchbarer Massstab, und er hinkt der Beweglichkeit meist um Wochen hinterher. Solange der Bewegungsumfang noch wächst, ist der Kraftvergleich kein Grund zur Sorge.
Welche Komplikationen muss man kennen?
Drei sind wichtig genug, um sie zu kennen: Das komplexe regionale Schmerzsyndrom CRPS, Druck auf den Mittelnerv im Karpaltunnel und der Riss der langen Daumenstrecksehne. Alle drei sind selten und behandelbar, und bei allen zählt, dass sie früh bemerkt werden.
Das CRPS entwickeln nach einer im Gips behandelten Radiusfraktur etwa zwei bis fünf von hundert Betroffenen. Kennzeichnend sind Schmerzen, die im Verhältnis zum erwarteten Heilungsverlauf zu stark sind, dazu eine hartnäckige Schwellung, veränderte Hautfarbe und Hauttemperatur, verändertes Schwitzen und eine Bewegungseinschränkung, die nicht zum Befund passt. Ein starker Schmerz noch eine Woche nach dem Bruch gilt als Risikozeichen. Behandelt wird unter anderem mit Ergotherapie, und je früher das beginnt, desto besser.
Beim Karpaltunnelsyndrom drückt die Schwellung auf den Mittelnerv, der durch einen engen Kanal an der Handwurzel verläuft. Typisch sind Kribbeln und Taubheit in Daumen, Zeige- und Mittelfinger, oft nachts. Der Riss der langen Daumenstrecksehne trifft einen kleinen Teil der Betroffenen, auch nach einer Gipsbehandlung, und zeigt sich meist Wochen später daran, dass sich das Daumenendglied plötzlich nicht mehr abheben lässt. Beides gehört ärztlich beurteilt.
Die Diagnose stellt immer die Ärztin oder der Arzt, nie die Therapie. Wir sehen die Hand regelmässig und melden zurück, was uns auffällt; die Einordnung und die Kontrollröntgenbilder gehören in die ärztliche Sprechstunde.
